Politik : Nach Aktenlage

Die neuen Unterlagen über Günter Wallraff liefern Indizien für eine Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst

Robert Ide

Im Fall Wallraff sind neue Akten aufgetaucht: Statistikbögen, Karteikarten, Auszüge aus Datenbanken. Sind das neue Fakten? Warum gibt es nun ernsthafte Indizien für eine nachrichtendienstliche Tätigkeit des Schriftstellers? Antworten auf wichtige Fragen anhand der vorliegenden Daten:

War Wallraff ein Stasi-IM? Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gibt starke Indizien für eine Tätigkeit. Auf einer Karteikarte stehen Wallraffs Name, seine Registriernummer XV/485/165 und die Abkürzung HVA. Das bedeutet: Die Hauptverwaltung Aufklärung, zuständig für Westspionage, hatte Wallraff als Mitarbeiter erfasst. Auf anderen Karteikarten steht der zur Nummer gehörige Deckname: „Wagner“. In einem Bericht notierte die Stasi über „Wagner“, genannt W.: „Als im April 1968 eine operativ günstige Situation vorhanden war, wurde W. direkt angesprochen und zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst der DDR geworben.“ Für die Hauptabteilung X, zuständig für Spionageabwehr, leistete Wallraff demnach „Lancierungstätigkeiten“; das heißt, der Autor sollte von der Stasi übergebenes Material im Westen publizieren.

Wurde Wallraff ohne sein Wissen als IM geführt? Eine Verpflichtungserklärung Wallraffs liegt nicht vor. Laut Stasi-Richtlinien war die aber für Westspione nicht nötig. Zudem wurden viele Akten der HVA 1989 vernichtet. Die Fragmente liefern nur Indizien.

Welche Indizien belasten Wallraff? Die Stasi legte unter Wallraffs Nummer eine Arbeitsakte an; das tat sie in der Regel nur bei Mitarbeitern. Zudem zeigen Akten, dass Unterlagen aus Wallraffs Besitz in den der Stasi wechselten – 1970 etwa Material über „B- und C-Waffen in Westdeutschland“ oder ein 15 Seiten starkes „Schulungsmaterial der Offiziersschule der Bundeswehr Hamburg“. Bis Mittwoch fanden sich vier solcher Informationen in der Datenbank Sira, in der die Stasi die Tätigkeit ihrer Zulieferer protokollierte.

Was bedeuten die neuen Vorwürfe? In der jetzt freigegebenen „Rosenholz“-Datei, die Auskunft über die Stasi-Westarbeit gibt, fanden sich neue Hinweise auf Wallraffs Kontakte (siehe Interview oben). Bemerkenswert daran: ein Statistikbogen der Stasi über „Wagner“. Dieser war Teil einer Mobilisierungskartei, in der die HVA wichtige Mitarbeiter für den Notfall erfasste. Auf dem Bogen ist IM „Wagner“ als „A-Quelle“ erfasst; also als Abschöpfquelle, die andere Menschen bespitzeln sollte. Verantwortlich für den Vorgang war Heinz Dornberger, ein hauptamtlicher Stasi-Offizier.

Gibt es neue Hinweise auf eine IM-Tätigkeit? Ja. In der Sira-Datenbank fanden sich unter Wallraffs Nummer zwei weitere Informationen. Demnach bekam die Stasi 1971 von Wallraff auch Informationen über chemische Waffen und psychologische Kriegsführung. Das Material hielt die Stasi für so wertvoll, dass sie es an den KGB weitergab.

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