Nach dem Amoklauf in München : Politische Forderungen und soziale Hintergründe

Von Gewalt fasziniert, depressiv und planvoll, politisch motiviert, sozial isoliert, kulturell verroht – über den Täter kursieren immer mehr Details und Spekulationen. Sind politische Konsequenzen notwendig? Fragen und Antworten zum Thema.

von , , und Carsten Werner
Blumen und Kerzen liegen am 24.07.2016 vor dem Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) in München.
Blumen und Kerzen liegen am 24.07.2016 vor dem Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) in München.Foto: dpa

Der 18-jährige Münchener, der am Freitag an einem Einkaufszentrum neun Menschen erschossen hat, gilt nach ersten Ermittlungen als typischer Amok-Täter.

Was ist über den Täter bekannt?

Die Ermittler haben zahlreiche Unterlagen zum Thema Amok bei ihm gefunden: Zeitungsberichte, Internet-Material und das Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“. Er hatte auch Winnenden in Baden-Württemberg besucht und die Orte des dortigen Amoklaufs von 2009 fotografiert, teilte das bayerische Landeskriminalamt mit. In einem eigenen „Manifest“ hatte er seinen Vernichtungs- und Tötungswillen formuliert. Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch berichtete von Angststörungen, Sozialphobien und Depressionen wegen derer David S. im vergangenen Jahr stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt wurde.

„Ein junger Mann, ein egoistischer Einzelgänger, still, zurückgezogen, schwer zugänglich“: Solche typischen Amok-Täter, sagte die Gießener Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg dem Evangelischen Pressedienst, „haben eine Persönlichkeitsstörung, sie sind Narzissten. Sie fühlen sich nicht anerkannt, ungerecht behandelt, tragen ein Grundgefühl der Kränkung mit sich herum“, sagt Bannenberg. Ein Amokläufer sei „grundsätzlich ein Mensch, der mit dem Leben nicht zurechtkommt. Er lehnt die Menschen ab und verachtet sie, weil sie ihn in seiner von ihm selbst empfundenen Großartigkeit nicht würdigen. Er entwickelt Hass- und Gewaltfantasien und sucht dann irgendwann den ,großen Abgang’. Dabei kalkuliert er seine eigene Tötung mit ein.“

Hat die Tat einen politischen Hintergrund?

Besonders auffällig nannte der Münchener Polizeipräsident Hubertus Andrä, dass die Tat von München genau am fünften Jahrestag der Tat des rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik in Norwegen stattfand. Auch bei S. wird über Fremdenhass spekuliert – es gibt Anzeichen dafür, dass er gezielt ausländische Jugendliche zum Tatort locken wollte. Er selbst sah sich trotz seiner iranischen Wurzeln explizit als Deutscher: „Ich bin Deutscher!“ ist von ihm auf einem während der Tat entstandenen Video zu hören. Die „Bild“-Zeitung berichtet, er habe sich an seiner Schule von Türken und Arabern gemobbt gefühlt. Die Ermittler bestätigten lediglich Mobbingerfahrungen von 2012, auch von Schulproblemen ist die Rede.

Woher hatte der Täter seine Waffe?

Er hat sich die Tatwaffe über das Darknet – technisch abgeschirmte Bereiche des Internets – besorgt. Die „Glock 17“ des Täters mit einem 9mm- Kaliber war ausweislich eines eingeschlagenen Prüfzeichens schon 2014 in der Slowakei in eine Theater- oder Filmwaffe umgebaut worden, die nur noch Platzpatronen verschießen konnte – oder besser: Hätte können sollen.

Wie unterscheiden sich legale und illegale Waffen und wie wird mit ihnen gehandelt?

Schon 2013 Kriminalbeamte aus der Slowakei alle europäischen Polizeibehörden davor, wie einfach solche „Filmwaffen“ der Firma AFG wieder in funktionsfähige Schusswaffen umgebaut werden könnten. Gefunden wurden solche tödlichen Bastelarbeiten dann auch bei zahlreichen Straftaten, etwa bei den Attentätern von Paris auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt sowie den Bataclan-Club.

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Bluttat von München löst Debatte über Waffenrecht aus
Bluttat von München löst Debatte über Waffenrecht aus

In Deutschland wäre es unmöglich, dass derart fahrlässige abgeänderte Dekorationswaffen in den Handel kommen können. Schon seit 1972 verlangt das deutsche Waffengesetz weitreichende Änderungen an den Deko-Waffen, die praktisch einer irreparablen Zerstörung der Waffe gleichkommen. In der Slowakei allerdings gibt es nur die Richtlinie 516, die solche Umbauten recht großzügig auslegt und Händler im Prinzip erlaubt, selber darüber zu bestimmen, was „unbrauchbar“ sein soll und was nicht. So werden auch zielgerichtet Umbauten vorgenommen, die später wieder recht einfach rückgängig gemacht werden können. Bei manchen Waffen reichte es schon aus, eine scharfe Patrone zu verschießen und damit eingebaute Sperren aus dem Lauf zu entfernen. Zehntausende solcher Waffen sind so über Jahre auf die illegalen Märkte gelangt.

Sie werden im Darknet gehandelt oder auch auf basar-artigen „Asia-Märkten“ etwa in Tschechien in der Nähe der Grenze zu Deutschland – neben Billigtextilien, Kosmetika , unverzollten Zigaretten und auch anderen gefährlichen Gegenständen wie hochexplosiven Böllern, deren Verkauf in Deutschland verboten ist. Aus mehreren Böllern mit einer Sprengkraft von 30 Gramm TNT wollten etwa Rechtsextremisten der „Oldschool Society“ Bomben bauen, um Flüchtlingsheime und Moscheen anzugreifen, bevor sie im Mai 2015 verhaftet und von der Bundesanwaltschaft der Bildung einer terroristischen Vereinigung beschuldigt wurden. Die „Asia-Märkte“ werden von vietnamesischen und chinesischen Händlern betrieben und von den tschechischen Behörden eher lasch kontrolliert.

Anonymer Darknet-Händler sagten dem Online-Magazin „Vice“, im Deepweb gebe es „nur eine Handvoll echter Waffenhändler oder -sammler“. Verkauft würden „Pistolen, Reihenfeuerpistolen, Maschinenpistolen, Sturm- und Maschinengewehre“ in kleineren Mengen, überwiegend an deutsche Kunden. Der Online-Waffenverkauf mache aber aus ihrer Sicht nur einen kleinen Teil des illegalen Waffenhandels aus.

Welche Maßnahmen diskutiert die Politik?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und SPD-Chef Sigmar Gabriel ziehen eine Verschärfung des Waffenrechts in Erwägung. Experten bezweifeln jedoch, dass sich Gewalttaten wie der Amoklauf von David S. in München dadurch verhindern lassen.

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach forderte verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen den Handel mit illegalen Waffen. „Es ist offensichtlich immer noch zu einfach, sich auf dem Schwarzmarkt illegal Waffen zu beschaffen“, sagte er dem Tagesspiegel. Eine erfolgreichere Bekämpfung des Waffenhandels müsse „höchste Priorität haben“. Skeptisch reagierte Bosbach auf Erwägungen von Innenminister Thomas de Maizière (CDU), das Waffenrecht zu verschärfen. „Das größte Problem sind die illegalen Waffen. Neue Regelungen mit Alibicharakter erhöhen die Sicherheit gewiss nicht.“ (Das Interview mit Bosbach finden Sie hier.)

Unterdessen streiten Union und SPD erneut um den Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorabwehr. „Für bestimmte großflächige Terrorlagen brauchen wir die Bundeswehr“, sagte CDU- Vize Thomas Strobl dieser Zeitung. Er sprach sich in diesem Zusammenhang für gemeinsame Übungen von Polizei und Bundeswehr zur Terrorabwehr aus. Dagegen erklärte SPD-Vize Ralf Stegner: „Wir brauchen keine Bundeswehreinsätze im Inland. Und die SPD würde eine entsprechende Änderung der Verfassung auch in keinem Fall mittragen.“ In Zeiten erhöhter Terrorgefahr müsse stattdessen die Polizei gestärkt werden: „Bund und Länder brauchen 12000 zusätzliche Polizeistellen. Hier darf nicht gespart werden.“

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Stephan Mayer, sagte dem Tagesspiegel am Sonntag, beim legalen grenzüberschreitenden Waffenhandel seien in der EU verschärfte Kontrollen notwendig: Der Verkauf ins Ausland müsse generell „unter Kontrolle einer öffentlichen Stelle geschehen“.

Was würde eine Verschärfung des Waffenrechts bringen?

Sie hat gerade stattgefunden: Erst am 8. April diesen Jahres ist die EU-Verordnung 2015/2403 in Kraft getreten – eine „Durchführungsverordnung zur Festlegung gemeinsamer Leitlinien über Deaktivierungsstandards und –techniken, die gewährleisten, dass Feuerwaffen bei der Deaktivierung endgültig unbrauchbar gemacht werden“. Das ist die Papierlage. Sie trifft aber natürlich nicht bereits im Umlauf befindliche Waffen und hatte noch auch keine Personal- oder Finanzentscheidungen zur Umsetzung zur Folge.

Selbstverständlich sind auch auf den Schwarzmärkten im Darknet illegale Geschäfte mit Strafandrohungen bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verboten, aber eben lukrativ. In Deutschland stand auf illegalen Waffenbesitz in den vergangenen 100 Jahren mehrfach die Todesstrafe – geholfen hat es nichts. 2007 hatte der damalige Berliner Innensenator Körting (SPD) gewarnt, dass über Jahre 96% der Straftaten mit illegalen Waffen begangen würden.

Welche Rolle spielen die Möglichkeiten des Internets bei der Tat und ihrer Beurteilung?

Vor der Tat hatte er den Facebook-Account eines Mädchens mit türkischem Namen gefaked und dort geschrieben: „Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ“, schrieb er dort – „Meggi“ ist Jugenddeutsch für McDonald’s. Die vermeintliche Einladung verstärkte er mit der Ankündigung, etwas zu spendieren.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière macht Gewaltvideos im Internet für Taten wie in München mitverantwortlich. Er berichtete auch von der Spielleidenschaft des Täters: Am Computer war David S. im Morden geübt. Der Innenminister fordert eine erneute Debatte über das „unerträgliche Ausmaß gewaltverherrlichender Spiele im Internet“, deren schädliche Wirkung auf die Entwicklung junger Menschen „nicht zu bezweifeln“ seien.

Verschiedene Studien zur Wirkung der sogenannten „Ballerspiele“ haben allerdings keine eindeutigen Erkenntnisse zur Steigerung der konkreten Gewaltbereitschaft von Spielern ergeben. Die Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg sagt: „Spiele wie Ego-Shooter können einen verstärkenden Effekt auf die Tötungsfantasien haben, sie sind aber nicht die Ursache. Die späteren Täter beschäftigen sich lange mit der Ausführung ihrer Tat, malen sich Einzelheiten aus bis hin zur Kleidung, die sie tragen werden. Ego- Shooter-Spiele können für sie identifikationsstiftend sein, wenn die Tat dort in Teilen gleichsam vorab schon mal durchgespielt wird: So werde ich meine Opfer töten.“ Wenn Jugendliche stundenlang in solche Welten abtauchten, fehlten aber vor allem Kommunikation und Kontrolle des familiären und sozialen Umfelds. Der Kriminologe Christian Pfeiffer machte in der in Hannoverschen „Neuen Presse“ darauf aufmerksam, dass wie David S. auch die Tätern von Winnenden 2009 und Erfurt 2002 sowie „nahezu alle, die in den USA als Amokläufer registriert wurden“ Ballerspiele gespielt hätten. Dabei gehe es darum, sich die Tötungshemmungen abzuspielen. Das Morden wird quasi virtuell geübt – Voraussetzung dafür ist aber erst einmal der Wille zum Morden.

Sind depressive Menschen gefährlich?

Nein. Nach dem Amoklauf warnt die Deutsche Stiftung Depressionshilfe vor einer Ausgrenzung psychisch kranker Menschen. „Mit großer Sicherheit kommt eine Depression des Täters als Ursache für den Amoklauf in München nicht in Frage“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Ulrich Hegerl. „Selbst wenn der Amokläufer wegen einer Depression behandelt worden ist, so heißt dies nicht, dass diese bei der Tat eine Rolle gespielt hat.“ Etwa vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter behandlungsbedürftigen Depressionen. Es gebe keine Hinweise, dass die Betreffenden häufiger Gewalttaten als andere begingen. Eher sei das Gegenteil der Fall. Den Amoklauf fälschlicherweise als Folge einer Depression darzustellen, verstärke eine Stigmatisierung depressiv Erkrankter, betonte der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Dies erhöhe für Erkrankte die Hürde, sich Hilfe zu holen. (mit afk, epd)

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