Politik : "Nach dem Holocaust": Raus aus der Opferperspektive

Oliver Schmolke

Als Westdeutschland in den 60er Jahren mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess entdeckte, dass es eine Vergangenheit hat, veröffentlichte Jean Amery einen erschütternden Essay. "Jenseits von Schuld und Sühne" ist als verzweifelte Rede an die Deutschen ein Mahnmal. "Wenn Jude sein heißt, mit anderen Juden das religiöse Bekenntnis zu teilen, dann befinde ich mich in aussichtsloser Lage. Ich glaube nicht an den Gott Israels." Und fährt fort: "Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer: die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft. Sie ist auch verbindlicher als Grundformel der jüdischen Existenz."

Wer sich an diese Identität eines Überlebenden von Auschwitz annähert, versteht, warum Peter Novick sich distanziert. Novicks Buch über das jüdische Selbstbewusstsein in den Jahrzehnten nach dem Holocaust ist eine um Objektivität bemühte historische Arbeit, keine Streitschrift und kein Plädoyer. Doch in der betonten Sachlichkeit ist das Bedürfnis zu spüren, die beengende Opferperspektive zu korrigieren.

Unmittelbar nach dem Krieg waren amerikanische Juden der Ansicht, es liege nicht im jüdischen Interesse, die Grauen erregende Erfahrung der Vernichtungslager hervorzuheben. Statt solche existenziellen Differenzen zum gesellschaftlichen Mainstream zu betonen, legte man Wert auf den gleichberechtigten Status von US-Bürgern, der in den 50er Jahren auch noch nicht erreicht war. Als die letzten Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung schwanden, änderten sich die Ziele jüdischer Mobilisierung.

Konkurrierende Opfergruppen

Peter Novick zeigt, wie ein universales, bürgerrechtliches Selbstverständnis zugunsten eines ethnischen Sonderbewussteins zurückgedrängt wurde. Sein Verdienst ist, dass er den Blick hebt, gesellschaftliche und internationale Kontexte berücksichtigt. So führt er die allgemeine Tendenz an, mit der die Bürgerrechtsbewegung der USA in den 60er Jahren durch kulturellen Partikularismus abgelöst wurde. Konkurrierende "Opfergruppen" standen gegeneinander, vor allem Schwarze und Juden, die sich gegenseitig Rassismus vorwarfen.

Einen entscheidenden Faktor sieht Novick im Staat Israel, der in den 40er Jahren vom American Jewish Committee zunächst noch gar nicht befürwortet worden war. Je unausweichlicher der jüdische Staat in einen nahöstlichen Dauerkrieg verstrickt schien, desto bedeutender wurde er für die amerikanischen Juden. Israels Isolation übertrug sich. Man sprach von einem "neuen Antisemitismus" und erinnerte an den Holocaust.

An dieser Stelle argumentiert Peter Novick unerbittlich. Er stellt die wachsende Militanz jüdischer Organisationen dem ebenfalls gewachsenen gesellschaftlichen Einfluss gegenüber. Jüdische Erinnerungsthemen wurden in den 70er Jahren staatstragend. Die tatsächlichen Holocaustleugner und Judenfeinde in den Vereinigten Staaten bezeichnet er als eine "kleine Zahl von Spinnern und Halunken".

Peter Novick wendet sich gegen die Auffassung, der Völkermord der Nazis könne einen Maßstab zur Lösung aktueller Fragen abgeben. Novick behauptet, Erziehung mit dem Holocaust sensibilisiere nicht. Im Gegenteil "bewirkte sein extremer Charakter, dass alles andere im Vergleich zum Holocaust nicht besonders schlimm aussieht". Über Afrika, den Nahen Osten oder Bosnien urteile man besser ohne Verweise auf Auschwitz. Über den deutschen Nationalismus aber lässt sich ohne die Vernichtungslager keinesfalls reden.

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