Politik : Nach dem "Kursk"-Desaster: Eine Spritze die beunruhigt (Leitartikel)

Doris Heimann

Das Bild hat eine schockierende Symbolkraft: Hinter der weinenden Angehörigen eines "Kursk"-Matrosen, die wütend den russischen Politikern ihr Versagen in dem U-Boot-Drama entgegenschleudert, steht schon eine Krankenschwester mit Beruhigungsspritze. Fernsehbilder haben das festgehalten - und auch, wie sich die Frau nach Verabreichung der Injektion widerstandslos wegführen ließ. Der russische Staat weiß, wie er auf zu große Unmutsbekundungen zu reagieren hat.

Umso mehr beeindruckt die Courage, die die Hinterbliebenen der "Kursk"-Mannschaft gezeigt haben: In ihrer Wut nach dem Untergang des Atom-U-Boots brachten sie den Präsidenten dazu, vorzeitig wieder nach Moskau zu reisen. Viele weigerten sich, an der Trauerfeier teilzunehmen.

Diese Art von Widerstand ist neu für Russland. Neu ist auch, dass der fast allmächtige Präsident nach einer solchen Abweisung zumindest verbal die Schuld und Verantwortung für das U-Boot-Desaster auf sich nimmt. Die Ereignisse als Anfang einer Revolte gegen Putin zu interpretieren, wäre aber übertrieben. Im Westen entstand dieser Eindruck vor allem durch die heftigen Reaktionen russischer Medien. Sie attackierten Putin in bislang ungekannter Weise, nutzten die erste Blöße, die er sich gab.

Einerseits ist der mutige Enthüllungs-Journalismus ein Zeichen der fortgeschrittenen Demokratisierung in Russland. Andererseits ist der überwiegende Teil der russischen Medien in Händen der so genannten Oligarchen. Die mächtigen Wirtschaftsbosse, Herren über undurchsichtige Industrie-Imperien, machten in der Jelzin-Ära ihren politischen Einfluss geltend - nicht nur zum Nutzen der Demokratie. Putin will ihre Macht brechen: Besonders gegen die Wirtschaftsführer Boris Beresowskij und Wladimir Gusinskij ist er harsch vorgegangen. Gusinskij ließ er verhaften, Beresowskij legte aus Protest gegen Durchsuchungen sein Duma-Mandat nieder.

Jetzt nahmen beide das U-Boot-Drama zum Anlass, mit ihren Medienimperien die Stimmung anzuheizen. Tatsächlich folgte der Mobilmachung der Medien bislang kaum eine politische Reaktion: Selbst Oppositionelle wie der Reformer Grigorij Jawlinskij forderten lediglich einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Auch die Stimmung in der Bevölkerung sollte vom Echo der Medien getrennt beurteilt werden. Die Angehörigen der "Kursk"-Opfer zum Beispiel wehrten sich gegen Staatstrauer und Trauerfeier, weil sie damit bis zur Bergung der Leichen warten wollten. Und mit Putin wollten sie nicht trauern, weil der seinen Urlaub zu spät abgebrochen hatte. Die Ablösung des Präsidenten indes forderten sie nicht.

In der übrigen Bevölkerung ist stille Verzweifelung das vorherrschende Gefühl. Das Drama um die "Kursk" hat den Russen eine Illusion genommen: Dass es ein junger energischer Präsident wie Putin schaffen könnte, Ordnung ins Dauerchaos zu bringen.

Der Präsident hat bereits jetzt die kritischen Medien als "inneren Feind" in dem "Kursk"-Debakel ausgemacht - angesichts des katastrophalen Krisenmanagements der russischen Führung ein Rückfall in sowjetische Rhetorik. Höchstwahrscheinlich wird Putin auf die erlittene Demütigung mit Druck reagieren - nicht impulsiv wie sein Vorgänger Boris Jelzin, sondern mit Kalkül. Die Ablösung des Verteidigungsministers Sergejew scheint bereits beschlossene Sache zu sein. Und alle anderen sollten sich darauf gefasst machen, dass auch hinter ihrem Rücken schon eine Beruhigungsspritze bereitgehalten wird.

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