Politik : Nach dem Spiel ist vor der Tat

Werner van Bebber

Er war besessen von Waffen. Er fühlte sich als Verlierer. Er gab anderen die Schuld an seinem Hass auf die Welt. Und er reagierte diesen Hass auf alle und alles in der virtuellen Welt ab, in der er sich stark fühlte – in der Welt der Killercomputerspiele.

Auf eine triste Weise wirkt Sebastian B. wie der kleine Bruder von Robert Steinhäuser, dem Amokläufer von Erfurt. Auch der war ein Waffenbesessener. Auch der machte die Lehrer und die Schule für das verantwortlich, was er als kaputtes Leben empfand. Und auch Robert Steinhäuser hatte vorher manchen mit seinem Verhalten irritiert: mit seinem Rückzug in die virtuelle Welt und mit seiner Unzugänglichkeit.

Kein Wunder, dass nun die gleichen Diskussionen beginnen wie 2002, zum Beispiel über Verbote. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein muss den Eindruck haben, politische Auseinandersetzungen wiederholten sich – genauso wie die Fernsehsender Filme wie „Halloween“ auf immer neue Generationen von Samstagabendguckern loslassen. Beckstein hatte vor dem Amoklauf von Erfurt gefordert, gewaltverherrlichende Video- und Computerspiele zu verbieten. Nach Erfurt schimpfte er, die SPD sei „in skandalöser Weise“ untätig beim Jugendschutz. Hatte er nicht recht? Niemand wird behaupten, Killerspiele seien gut, sie brächten die Spieler weiter. Sie mögen spannend sein. Freaks, die sich ohne solche Spiele ihre Freizeit nicht vorstellen wollen, reden von der Förderung des Teamgeistes. Sie erklären ein strategisches, vernetztes Spiel wie „Counter- Strike“ zur Fortentwicklung des Brettspiels mit anderen Mitteln – Schach mit einer unschädlichen Maschinenpistole. Aber Schach funktioniert auch ohne Waffe. Und beim Fußball und Rugby lernt man etwas über Teamgeist und außerdem etwas darüber, wie man mit Aggressionen so umgeht, dass sie sich nicht immer weiter aufstauen.

Aber das interessiert nur diejenigen, die sich in der ganz normalen Wirklichkeit wohler fühlen als in der virtuellen Welt. Beckstein und andere müssten vielleicht deutlicher über die Kausalkette reden, sie müssten begründen, warum Killerspiele tatsächlich schädliche Wirkung haben, zumindest haben können. Jetzt jedenfalls sind alle Befürworter des Killerspielverbotes gut beraten, den von Emsdetten ausgehenden Impuls zu nutzen und zu hoffen, dass es im Bundestag eine Mehrheit für eine sehr deutliche Klassifizierung oder gar ein Verbot solcher Spiele gibt. Das würde mindestens dazu führen, dass die härtesten Spiele nicht mehr frei erhältlich sind, so wenig wie harte Pornos. Niedersachsen und Bayern wollen einen Vorstoß unternehmen. Man darf gespannt sein, wohin er führt.

Denn eines müssen sich auch die Becksteins dieser Republik sagen lassen: Sie haben in den Jahren nach Erfurt nichts anderes getan, als ihre Forderungen gelegentlich zu wiederholen. So steht seit einem Jahr in der schwarz-roten Koalitionsvereinbarung auf Seite 123: „Verbot von Killerspielen“. Und? Es gab keinen Debattierbedarf, nicht mal das Interesse an einer regierungsamtlichen, steuergeldfinanzierten Werbekampagne. Man wird hierzulande zugetextet mit Erklärungen über eine unverständliche Gesundheitsreform. Killerspiele, Jugendgewalt: Das interessiert nur wenige Politiker wirklich. Sie glauben ihrem neuen Bericht über die öffentliche Sicherheit und der Behauptung, im Grunde werde Deutschland immer sicherer. Wer derart anlassbezogen Politik macht, darf sich über Wiederholungen nicht beschweren.

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