Nach den heftigen Protesten : Ägypten versinkt im Chaos

Die Angst vor Plünderern und Brandstiftern in Ägyptens Hauptstadt Kairo wächst. Tausende Häftlinge sind aus Gefängnissen geflohen. Wächter und Polizisten plünderten laut Direktorin das Ägyptische Museum.

Gespenstische Ruhe in Ägyptens Hauptstadt Kairo am Sonntagmorgen.
Gespenstische Ruhe in Ägyptens Hauptstadt Kairo am Sonntagmorgen.Foto: dpa

Nach den heftigen Protesten der vergangenen Tage hat sich die Lage in der ägyptischen Hauptstadt Kairo am Sonntag etwas beruhigt. Medienberichten zufolge gab es auf den Straßen des Stadtzentrums, wo am Vortag erneut Zehntausende gegen Präsident Husni Mubarak demonstriert hatten, keine größeren Zwischenfälle. Das Militär zeigte mit Panzern weiter sichtbare Präsenz, Soldaten fuhren Patrouillen. Zunehmend zu schaffen machen den Menschen Plünderer- und Räuberbanden, die bis in den späten Abend hinein durch die Stadt zogen. Teilweise stellten sich ihnen Bürgerwehren entgegen.

Angesicht der unsicheren Lage versuchen Hunderte Ausländer, die Millionenstadt zu verlassen. Selbst Familien, die schon seit Jahrzehnten in dem nordafrikanischen Land leben, suchen das Weite. Wie von Deutschen in Kairo am Sonntag zu erfahren war, können Angehörige von Mitarbeitern deutscher Institutionen in Ägypten mit Hilfe der Botschaft Plätze auf Lufthansa-Flugzeugen buchen.

Vor Ort hieß es auch, die deutsche Botschaft, die von innen von eigenen Sicherheitskräften und von außen von ägyptischer Polizei geschützt wird, wolle ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärken und zusätzliches Personal aus Deutschland einfliegen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin erklärte dazu, darüber werde im Tagesverlauf beraten und entschieden.

Tausende Häftlinge geflohen - El Dschasira verboten

Bei den Unruhen in Ägypten flohen Tausende Häftlinge aus den Gefängnissen. Darunter sind auch Schwerverbrecher und islamistische Extremisten. Nach Informationen des lokalen Fernsehens gelang es allein im Gefängnis Abu Saabel, außerhalb Kairos, ungefähr 6000 Gefangenen die Flucht. Ein weiterer Gefangenenausbruch wurde aus dem Zentralgefängnis in der Oasenstadt Fajum südlich von Kairo gemeldet. Dort sollen die Häftlinge einen Polizeigeneral getötet und einen weiteren General verschleppt haben.

Revolution in Ägypten
Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug feiern auch die Soldaten mit.Weitere Bilder anzeigen
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12.02.2011 10:47Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug...

Die ägyptische Regierung hat den arabischen Fernsehsender El Dschasira verboten. Wie die amtliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena am Sonntag meldete, ordnete der scheidende Informationsminister Anas el Fekki ein Arbeits- und Empfangsverbot für den Satellitensender an. Der in Katar ansässige Sender hatte bisher umfassend über die Proteste gegen die ägyptische Regierung berichtet.

Trotz Ausgangssperre wurden bis zum späten Abend Ausschreitungen und Plünderungen aus Kairo gemeldet, an vielen Orten waren Schüsse zu hören. In den Wohnvierteln der Hauptstadt, wo das Militär nicht in Stellung gegangen war, organisierten sich Bewohner in Bürgerwehren, um sich gegen Plünderer zu schützen.

Wie Klinikärzte mitteilten, wurden auch Krankenhäuser von Kriminellen angegriffen. Eine Kinderkrebsklinik sei überfallen und von Plünderern ausgeraubt worden. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija hätten Ärzte Molotowcocktails hergestellt, um das Hospital verteidigen zu können. Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte am Abend erstmals Bilder von Dutzenden von Männern, bei denen es sich um festgenommene Plünderer handeln soll. Sie sollen vor Militärgerichte gestellt werden.

El-Saddik: Wächter und Polizisten plünderten Ägyptisches Museum

Die langjährige Direktorin des Ägyptischen Museums Wafaa el-Saddik hat das Wachpersonal und Polizisten für die Plünderungen der Kunstsammlung in Kairo verantwortlich gemacht. "Das waren die Wächter des Museums, unsere eigenen Leute",  sagte el-Saddik dem Berliner "Tagesspiegel". Einige von den Polizisten hätten offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, "um nicht als Polizisten erkennbar zu sein". Eine zweite Gruppe der Täter sei von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen befänden sich alle im ersten Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun befinde, sagte el-Saddik. "Es sind sehr viele Figuren auf den Boden geworfen und zerstört worden, darunter auch Götterfiguren aus dem Schatz des Tutanchamun". Die Plünderer hätten mehrere pharaonische Schmuckstücke gestohlen. Auch der neue Anbau mit dem großen Andenkengeschäft, was erst im November eröffnet worden ist, sei "total ausgeraubt", sagte el-Saddik. Wafaa el-Saddik war von 2004 bis Ende 2010 Direktorin des Ägyptischen Museums, eine der berühmtesten Antikensammlungen der Welt.

Proteste kosteten 100 Menschenleben

Nach unterschiedlichen Berichten kamen bei den Protesten seit Freitag in ganz Ägypten bis zu 100 Menschen ums Leben. Mehr als 1000 wurden verletzt. Die ägyptische Armee hatte Bürger am Samstag über die Mobilfunknetze aufgefordert, die bis Sonntag 0800 Uhr (0700 MEZ) geltende Ausgangssperre einzuhalten. Sonst drohten „scharfe Maßnahmen“, hieß es in einer SMS, die an alle Mobilfunkkunden verbreitet wurde.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien riefen die ägyptische Regierung und die Demonstranten zum Gewaltverzicht auf. In einer gemeinsamen Erklärung forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron den 82-jährigen Mubarak auf, einen Transformationsprozess einzuleiten hin zu einer „Regierung, die sich auf eine breite Basis stützt, sowie freien und fairen Wahlen“.

Mubarak hatte am Samstag eine neue Führungsriege gebildet, in der Geheimdienst und Militär dominieren. Er ernannte Geheimdienstchef Omar Suleiman am Samstag zu seinem Stellvertreter. (Tsp/dpa/AFP)

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