Nachwuchssuche : Die Charme-Offensive der Bundeswehr

Ab Juli fällt die Wehrpflicht weg, dann kommt keiner mehr, weil es Pflicht ist, und die Bundeswehr muss geeigneten Nachwuchs selbst finden – wie andere Betriebe auch. Aber womit soll sie werben?

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Nicht zu abgehoben. Birger Gädt (links) ist als Wehrdienstberatungsoffizier auf der Suche nach künftigen Soldaten, beispielsweise unter Schülerpraktikanten in einer Kaserne.
Nicht zu abgehoben. Birger Gädt (links) ist als Wehrdienstberatungsoffizier auf der Suche nach künftigen Soldaten, beispielsweise...Foto: Paul Zinken

Es ist ein Freitag im Juni, etwa halb acht Uhr am frühen Morgen, als Oberleutnant Birger Gädt vor der General-Steinhoff-Kaserne in Berlin-Spandau noch schnell eine Zigarette raucht. Zwei Dinge gibt es, die gegen ihn, und das, was er will, sprechen an diesem Morgen.

Das eine ist die Nachrichtenlage: Eine Woche zuvor ist in Afghanistan der vierte deutsche Soldat innerhalb von neun Tagen ums Leben gekommen. Das andere ist die Uhrzeit.

Oberleutnant Gädt wird gleich einen Vortrag halten über Berufschancen bei der Bundeswehr. Er ist Wehrdienstberatungsoffizier und vor ihm in einem der vielen langen eintönigen Kasernengebäude mit ihren hohen Fenstern und ihren roten Dächern, wird eine Gruppe junger Männer aus Görlitz sitzen, alles Schüler eines beruflichen Gymnasiums für Maschinenbautechnik. Eine Woche lang arbeiten die gerade als Praktikanten in dem Luftwaffenmuseum, das in der Kaserne untergebracht ist, putzen herum an alten Flugzeugen, die in Werkshallen stehen. Und jetzt gerade sind sie vor allem müde, gestern waren sie feiern.

Das Ende der Wehrpflicht
Nach mehr als 50 Jahren geht in Deutschland die Ära der Wehrpflicht zu Ende. Am 3. Januar 2011 treten die vorerst letzten Rekruten ihren Pflicht-Wehrdienst an.Alle Bilder anzeigen
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03.01.2011 11:37Nach mehr als 50 Jahren geht in Deutschland die Ära der Wehrpflicht zu Ende. Am 3. Januar 2011 treten die vorerst letzten Rekruten...

Aber es gibt auch Dinge, die bei diesen Vorträgen für Birger Gädt sprechen. Das eine ist seine Laune. Der Mann ist ein Kumpeltyp, groß, schlank, millimeterkurzes Haar, Bärtchen. Das andere ist seine fröhliche Liebe zum Beruf. Den Jungs, die vor seinem gebügelten Hemd schlaff auf den Stühlen hängen, zeigt er erst mal ein Foto von sich von früher und in abenteuerlustiger Camouflage, das Gesicht dunkel eingeschmiert, Gras auf dem Helm. Das wirkt. Die Jungs zeigen Reaktionen, wachen auf – und finden auch das nächste Bild von Gädts Powerpoint-Präsentation irgendwie lustig: eine Deutschlandkarte mit Punkten. Blaue für die Orte, an denen er seit 1993 fest stationiert war, rote für Orte, an denen er Lehrgänge absolvierte. „Bundeswehr heißt bundesweit“, sagt Gädt, und seine Zuhörer nicken zustimmend. Es ist ein ziemliches Punktegewusel auf der Karte, dabei ist Birger Gädt, wenn auch doppelt so alt wie die Schüler, erst 35 Jahre alt.

Fast 150 Vorträge dieser Art hält Gädt im Jahr, leicht abgewandelt je nach Bildungsstand seiner Zuhörer, je nachdem, welche Schule ihn eingeladen hat. Er macht das schon seit einiger Zeit, und vor ihm haben es andere getan. Doch nie zuvor war diese Werbung für die Bundeswehr so wichtig wie jetzt. Ab dem 1. Juli wird die Wehrpflicht ausgesetzt, dann kommt niemand mehr, weil er muss.

Ein Schritt, der Teil der großen Bundeswehrreform ist, angestoßen von Karl-Theodor zu Guttenberg, ausgetüftelt vom neuen Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der wünscht, dass diese Armee in den kommenden Jahren nicht nur kleiner, sondern auch zu einer der Freiwilligen werden solle. Höchstens 185 000 statt etwa 250 000 Soldaten soll es künftig geben. Berufssoldaten, Zeitsoldaten und FWDler, Freiwillig Wehrdienstleistende. Von Letzteren braucht es etwa 5000, gerne mehr. „Kein Problem“, sagen sie bei der Bundeswehr, genügend FWDler seien vorerst gewonnen. Doch wie wird es weitergehen? Zwei Drittel der Zeit- und Berufssoldaten rekrutierten sich bislang über fünf Zentren für Nachwuchsgewinnung, ein Drittel über den Grundwehrdienst. Der Nachwuchs muss also irgendwo aufgetrieben werden. Wofür unter anderem Oberleutnant Gädt zuständig ist.

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