Politik : Nahost: Arafats Erben

Andrea Nüsse

Die Frage, wer die Nachfolge Jassir Arafats antreten wird, ist so alt wie die PLO. Und sie ist heute offener denn je. Zwar hat der Palästinenserpräsident und PLO-Vorsitzende es über Jahrzehnte verhindert, diese Frage zu klären. Dennoch sah es lange so aus, als würde die sogenannte Nummer zwei der PLO, der im Westen als Unterhändler bekannte Abu Mazen, nach Arafats Tod die Zügel übernehmen können. Dies soll Arafat selbst einmal im Gespräch unter vier Augen US-Präsident Bill Clinton gesagt haben. Doch das war 1998. Damals gab es noch einen Friedensprozess mit Israel, der Arafat und die beiden Hauptrivalen in der alten PLO-Garde, Abu Mazen und Parlamentssprecher Abu Ala, in den Augen der Palästinenser legitimierte.

Abu Mazen und Abu Ala, die sich seit langem einen erbitterten Konkurrenzkampf liefern, der auch zum Scheitern der Gespräche in Camp David beigetragen hat, haben nur eine Chance, wenn Arafat in einer Situation abtritt, in der es eine Aussicht auf die Fortsetzung dieses Friedensprozesses gibt. Denn nur sie könnten mit ihren Kontakten eine politische Lösung aushandeln. Zwar ist Abu Mazen der gewichtigere Mann, aber er ist auch durch mehrere Niederlagen geschwächt. So ist sein Friedensplan, den er 1995/96 zusammen mit dem israelischen Labour-Politiker Jossi Beilin ausgearbeitet hatte, gescheitert. Diese Niederlage hängt ihm heute noch nach. Der uncharismatische Parlamentssprecher Abu Ala könnte Arafats Platz wahrscheinlich nur formal einnehmen, während möglicherweise die Sicherheitschefs Jibril Rajoub und Mohammed Dahlan die wahren Strippenzieher wären.

Nach der palästinensischen Verfasssung wäre Abu Ala der Übergangspräsident beim Tode Arafats. Abu Ala hat begriffen, dass er - ebenso wie andere Konkurrenten der alten PLO-Garde - innenpolitisch nur eine Chance hat, wenn er eine politische Lösung des Konflikts mit Israel zu bieten hat. Dies wurde in den vergangenen Wochen deutlich, als er eine Initiative des israelischen Außenministers Shimon Peres enthusiastisch begrüßte, die er später selbst öffentlich als völlig inkompatibel mit den palästinensischen Forderungen bezeichnete. Dieser Gesprächsversuch erhielt die verzweifelte Zustimmung der gesamten alten Garde, die mittlerweile eingesehen hat, dass die militärische Intifada, die sie anfangs aus taktischen Gründen unterstützte, sie innenpolitisch ins Abseits gestellt hat.

Mächtige Sicherheitschefs

Doch mit einer Regierung unter Ariel Scharon wird es wohl keine politischen Gespräche geben, die Zeichen stehen vielmehr auf militärische Konfrontation. In dieser Situation sind die Mitglieder der alten PLO-Garde, die Arafat ins Exil begleitet haben und dank der Osloer Abkommen heimkehren durften, im Nachfolgekampf irrelevant. Dies betrifft auch den seriösen, im Westen als Unterhändler bekannten Saeb Erekat. Die Macht würde in der jetzigen kriegerischen Situation wohl eher an die von dem palästinensischen Wissenschaftler Khalil Skiqaqi als "jüngere Garde" benannten lokalen Anführer gehen, die nach der Staatsgründung Israels geboren wurden und in den besetzten Gebieten aufgewachsen sind.

Ihr bekanntester Kopf ist Marwan Barghouti, der Fatah-Führer der Westbank, eine der treibenden Kräfte hinter der Intifada. Zwar konnte Barghouti in den vergangenen Monaten seine Popularität über Ramallah hinaus ausweiten. Doch der volksnahe Mann mit der schwarzen Lederjacke, der sich bei jeder Demonstration oder Trauerfeier in Ramallah blicken läßt, kann die zerstückelten Palästinensergebiete von Rafah im Gaza-Streifen bis Jenin im Norden der Westbank nicht kontrollieren.

Dies könnten schon eher die Sicherheitschefs Rajoub und Dahlan, die zwischen alter PLO und den jungen Anführern aus den Palästinensergebieten stehen. Sie haben zwar keine populäre Basis, verfügen aber über bewaffnete Kräfte. Rajoub und Barghouti, die sich aus Aufenthalten in israelischen Gefängnissen gut kennen, arbeiten heute eng zusammen. Neuerdings ist auch Dahlan, der für die Sicherheit im Gaza-Streifen zuständig ist, mit von der Partie. Die beiden Sicherheitschefs haben enge Kontakte zu Israel und der CIA. Sie wären persönlich zu weitreichenden Zugeständnissen an Israel bereit, um ihre Macht zu erweitern. Ob sie einen solchen Kurs bei den Palästinensern durchsetzen könnten, ist jedoch fraglich. Bisher ist nur klar: Solange Arafat nicht stirbt oder ermordet wird, traut sich keiner der potenziellen Kandidaten, ihn zu entmachten.

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