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Nahost : Blauhelm-Soldat stirbt durch israelischen Vergeltungsschlag

An der Grenze zum Libanon ist ein israelisches Militärfahrzeug von einer Rakete getroffen worden. Israel antwortete umgehend - dabei kam ein UN-Blauhelm-Soldat ums Leben.

Israelische Truppen in der Nähe der Grenze zu Syrien.
Israelische Truppen in der Nähe der Grenze zu Syrien.Foto: AFP

Bei Vergeltungsschlägen der israelischen Armee ist nach UN-Angaben im Südlibanon ein Blauhelmsoldat getötet worden. Das bestätigte UN-Sprecherin Andrea Tennet der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Zuvor hatte eine Panzerabwehrrakete am Mittwoch ein israelisches Militärfahrzeug an der Grenze zum Libanon getroffen. "Laut ersten Berichten wurde das Fahrzeug in der Gegend von Har Dov offenbar von einer Panzerabwehrrakete getroffen", meldete die Armee über den Kurznachrichtendienst Twitter. Dabei sind offenbar zwei israelische Soldaten getötet worden. Die libanesische Grenzregion sei danach heftig von israelischer Artillerie beschossen worden, berichteten Sicherheitskräfte in der libanesischen Stadt Tyros.

Zuvor hatte am frühen Mittwochmorgen das israelische Militär Artilleriestellungen der syrischen Armee angegriffen, als Reaktion auf den Beschuss der von Israel besetzten Golanhöhen. Die syrische Regierung werde für jeden Angriff zur Rechenschaft gezogen, der aus ihrem Land erfolge, teilte Israels Armeesprecher Peter Lerner in der Nacht auf Mittwoch mit.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte Stunden zuvor Angreifern des Staates Israel mit Vergeltung gedroht. Er bezog sich dabei auch auf den Beschuss aus Syrien: Am Dienstag waren zwei von dort abgefeuerte Raketen auf den Golanhöhen eingeschlagen, Verletzte gab es nicht. Nach Angaben einer Militärsprecherin reagierte die Armee bereits kurz danach mit Artilleriebeschuss von Positionen auf der syrischen Seite. Es war unklar, ob die Geschosse aus Syrien absichtlich abgefeuert oder fehlgeleitet waren.

Israels Streitkräfte sind nach einem Luftangriff auf der syrischen Seite der Golanhöhen in erhöhter Alarmbereitschaft. Bei dem Angriff, der Israel zugeschrieben wird, waren am 18. Januar ein iranischer General und mindestens sechs Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Miliz getötet worden. Der Iran drohte Israel mit „verheerenden Blitzschlägen“. Auch die Hisbollah wollte Vergeltung üben.

Israel und Syrien streiten sich seit fast fünf Jahrzehnten um die Golanhöhen. Im Sechstagekrieg 1967 hatte Israel das rund 1.150 Quadratkilometer große syrische Plateau erobert und Ende 1981 annektiert. Im syrischen Bürgerkrieg ist der Golan immer wieder Ort blutiger Zusammenstöße verfeindeter Milizen. Der Großteil wird von Rebellengruppen kontrolliert, darunter die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al Qaida.

Dort kommt es zwar immer wieder zu kleineren Gefechten. Der jüngste Angriff auf den israelischen Militärkonvoi gilt allerdings als der schwerwiegendste Zwischenfall seit Jahren. Womöglich steckt hinter der Attacke der Schiitenmiliz Hisbollah eine gezielte Provokation: Um von den eigenen Verlusten im syrischen Bürgerkrieg abzulenken - dort steht die "Partei Gottes" auf Seiten des Machthabers Baschar al Assad und könnte Schätzungen zufolge bereits einige hundert Kämpfer verloren haben -, soll der "zionistische Feind" genötigt werden, mit Bodentruppen auf syrisches Territorium vorzudringen. Ein derartiger Schritt ließe sich sicherlich auch propagandistisch ausschlachten. Das Prestige der Hisbollah gründet sich nicht zuletzt darauf, sich als entschiedener Gegner des "Besatzers" zu profilieren.

Dass Israel mit Gegenschlägen antworten wird, kann zwar als sicher gelten. Es ist fester Bestandteil der Sicherheitsdoktrin, auf Angriffe zu reagieren - allein um den Gegner abzuschrecken. Doch diese werden wohl vorwiegend aus der Luft erfolgen. Dass Jerusalem Soldaten auf feindliches Gebiet schicken wird, gilt dagegen als unwahrscheinlich.

Auch an einer erneuten Besetzung des Südlibanons hat der jüdische Staat keinerlei Interesse. Ein solches Vorgehen würde womöglich mit großen Verlusten einhergehen. Denn die Hisbollah gilt - anders als zum Beispiel die Hamas im Gazastreifen - als hochgerüstete Armee. Sicherheitsexperten gehen zum Beispiel davon aus, dass die Organisation über mehr als 100.000 Raketen verfügt. Viele davon sollen eine sehr große Reichweite haben, also auch Städte im israelischen Kernland erreichen können.

Am Mittwochabend berief der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Dringlichkeitssitzung ein. Über die genaue Tagesordnung wurde nichts bekannt, die Sitzung sollte hinter verschlossenen Türen stattfinden.

(Ch.B./dpa/AFP)

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