Politik : Nahost: Enttäuschte Nachbarn

Andrea Nüsse

Das neue Engagement der USA in Nahost wurde in vielen Ländern gelobt - nur die arabische Welt scheint unbeeindruckt. Die Demonstrationen gegen die israelische Militäroffensive in den Palästinensergebieten gingen in allen arabischen Ländern auch am Wochenende weiter. In Jordanien demonstrierten die Menschen in allen größeren Städten und auch im größten Flüchtlingslager Bakaa. Bei einer 15-stündigen Spendenaktion für die Palästinenser im jordanischen Fernsehen wurden 9,5 Millionen Dinar (15 Millionen Euro) gesammelt. Auch König Abdallah II. versprach per Telefon eine unbekannte Summe. In Bahrain, wo die fünfte US-Flotte stationiert ist, forderten hunderte Demonstranten am Sonntag die Schließung der amerikanischen Botschaft. Auch in der syrischen Hauptstadt Damaskus kam es zu einer anti-israelischen Massendemonstration.

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Hatten arabische Kommentatoren bereits am Freitag die Rede von Präsident George W. Bush eher skeptisch aufgenommen, so hat sich bei ihnen nun der Eindruck verhärtet, dass die USA ihre Haltung nicht verändert haben. Dazu trägt insbesondere die Fortsetzung der israelischen Militäroffensive bei, in deren Zuge Flüchtlingslager in Dschenin aus der Luft bombardiert wurden. Dabei sollen am Sonnabend mindestens 56 Menschen getötet worden sein. Bereits die Ankündigung, dass US-Außenminister Colin Powell den Palästinenserführer Jassir Arafat bei seiner bevorstehenden Nahostreise möglicherweise nicht treffen werde, war in den arabischen Staaten auf heftige Kritik gestoßen. Die "Jordan Times" erklärte am Sonntag, dass die Powell-Mission damit "auf dem falschen Fuß begonnen hat".

So geht die Gratwanderung der moderaten arabischen Regime in Ägypten und Jordanien weiter. Beide Staaten hatten extremen Druck auf Bush ausgeübt, damit die USA in den Nahost-Konflikt eingreifen. Damit sollte auch den Massendemonstrationen in den arabischen Ländern der Boden entzogen werden. Diese richten sich sowohl gegen die US-Politik als auch gegen die eigenen Regierungen, die diplomatische Beziehungen zu Israel unterhalten. Ägypten hat diese diplomatischen Beziehungen symbolisch eingeschränkt. Damit wollte Präsident Hosni Mubarak vor allem Washington klar machen, dass die mit den USA verbündeten Regime bedroht sind und dem israelischen Feldzug nicht endlos zusehen können. Die gleiche Nachricht hatte auch der jordanische Außenminister Marwan Moasher in Washington überbracht. Doch nun macht sich Enttäuschung breit in den arabischen Ländern, da die USA Israel offenbar erlaubten, die Militäroffensive mindestens bis zur Ankunft Powells am Freitag fortzusetzen. Die Bush-Rede hat so bisher keinen Druck von den arabischen Regimen genommen.

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