Politik : Nahost-Konflikt: In Zugzwang

Andrea Nüsse

Während die Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern in den vergangenen Monaten ständig an Schärfe zugenommen hat, schienen die anderen Konfliktherde der Region vergessen. Seit dieser Woche ist das anders. Der israelische Luftangriff auf eine syrische Radarstation in Libanon, in Reaktion auf einen Angriff der von Damaskus gestützten Hisbollah auf israelische Soldaten in Südlibanon, hat die andere Front des Nahost-Konflikts wieder ins Zentrum gerückt: Die syrisch-israelische.

Und damit ist auch Libanon wieder auf die Bühne des Nahostkonfliktes zurückgekehrt, die es unter seinem geschäftstüchtigen Premierminister Rafik Hariri so gerne verlassen wollte, um sich dem wirtschaftlichen Aufbau zu widmen. Hariris Tageszeitung "Al Mustaqbal" hat denn auch die Hisbollah-Angriffe auf die von Israel weiterhin besetzt gehaltenen Shebaa-Farmen heftig kritisiert. Denn die Angst, dass der neue israelische Premier Scharon die Drohungen seines Vorgängers wahr macht, Syrien direkt für Hisbollah-Angriffe verantwortlich zu machen, ging bereits seit einiger Zeit um. Ex-Premier Barak hatte zivile libanesische Einrichtungen und Positionen radikaler Palästinensergrupppen in Libanon als Vergeltung für Hisbollah-Angriffe beschossen. Zuletzt hatte er gedroht, zukünftig auch syrische Positionen anzugreifen. Diese Drohung hat nun erst Scharon wahr gemacht.

Mit dem Luftangriff auf syrische Soldaten hat Scharon nun den jungen Präsidenten Syriens, Bashar al-Assad, direkt herausgefordert. Denn dieser hat sich als rhetorischer Hardliner im Kampf gegen Israel hervorgetan - während er seit dem israelischen Abzug aus Südlibanon im Mai 2000 der Hisbollah Zurückhaltung auferlegte. Ob deren jüngster Angriff wirklich mit Einverständnis der Syrer geschah, ist die spannendste Frage. Denn eigentlich ist Bashar nicht an einer militärischen Auseinandersetzung mit Israel interessiert, er muss seine Macht innenpolitisch konsolidieren. Andererseits ist er jetzt in Zugzwang, denn viele erwarten von ihm, dass er seinen starken Worten auch Taten folgen läßt. Geschickt scheint er sich jetzt nicht auf eine direkte Konfrontation mit Israel einzulassen, sondern er will vielmehr die Palästinenser in ihrem Kampf stärker unterstützen.

Die Aussöhnung mit Palästinenserpräsident Arafat war beim arabischen Gipfeltreffen in Amman im März gefeiert worden. Auch die USA zeigten sich erleichtert darüber, dass Bashar nicht militärisch auf Israels Angriff geantwortet hat: Sie lobten am Mittwoch die "Zurückhaltung" Syriens. Doch Israels Angriff auf syrische Positionen in Libanon, wo noch immer etwa 25 000 syrische Soldaten stationiert sind, haben auch die sich anbahnende Debatte über diese Militärpräsenz zunichte gemacht. Angefacht von den Forderungen des maronitischen Patriarchen Nasrallah Sfeir, die syrischen Truppen sollten das Land 10 Jahre nach Ende des libanesischen Bürgerkrieges endlich verlassen, wird in Beirut seit Monaten über diese Frage diskutiert. Sie droht alte konfessionelle Wunden wieder aufzureißen. Die israelische Reaktion auf den Hisbollah-Angriff hat deren Argumentation jetzt bestätigt: Sie unterstellen Israel, gerade unter dem Architekten des Libanon-Feldzuges von 1982, Ariel Scharon, Libanon wieder angreifen zu wollen. Daher benötige das Land die starke syrische Armee zum Schutz. Der Zeitpunkt des Hisbollah-Angriffs ist nach Ansicht vieler Beobachter kein Zufall gewesen.

Israels Verletzung der libanesischen Souveränität hat derweil andere Hardliner auf den Plan gerufen: Die in Syrien verbotenen Muslim-Brüder haben Assad per Brief aus London aufgefordert, auf dem Golan, den Israel nach wie vor besetzt hält, eine zweite Front gegen Israel zu eröffnen und damit den Palästinensern zu Hilfe zu kommen.

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