Politik : Nahost-Konflikt: Unter Feuer

Charles A. Landsmann

Schluss mit der Schlacht - oder nur eine Pause? Israel und die Palästinenser erzielten am späten Mittwochnachmittag nach heftigen Gefechten eine Übereinkunft über einen örtlichen Waffenstillstand in Beit Jallah und Gilo. Jassir Arafat befahl seinen Leuten, das Feuer auf Gilo einzustellen. Vereinzelt gingen die Kampfhandlungen mit den in Beit Jallah einmarschierten israelischen Truppen jedoch auch einige Stunden später weiter. Auch anderswo gab es erneut Gewalt: Die israelische Armee hat ein Mitglied der Leibgarde von Palästinenserpräsident Jassir Arafat in Hebron getötet.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon konnte trotz massiven Militäreinsatzes sein Versprechen von letzter Woche nicht halten: Das auf annektiertem palästinensischen Gebiet erstellte Gilo wurde beschossen, obwohl Scharon versichert hatte, es werde kein Schuss mehr fallen. Doch nicht nur das: Der dramatische Einmarsch israelischer Panzer- und Infanterietruppen in das benachbarte vollautonome palästinensische Beit Jallah in der Nacht zum Dienstag konnte den Beschuss Gilos nicht unterbinden. Im Gegenteil: Erstmals setzten die Palästinenser Mörser ein.

In der Nacht zum Mittwoch gab es in Gilo drei Einschläge von Mörsergranaten, darunter einer in einem Schulhof und ein weiterer in einem Kindergarten. Abgeschossen wurden sie nicht aus dem fast menschenleeren Beit Jallah, sondern aus dem direkt benachbarten Bethlehem. Hassan Abed Rabbo, einer der Fatah-Anführer, kündigte an, dass Gilo so lange beschossen werde, wie sich die israelische Armee in Beit Jallah aufhalte. Aber auch nach einem israelischen Abzug könne er keine Garantie für ein Ende der Kampfhandlungen geben.

Sämtliche offiziellen palästinensischen Sprecher hatten den sofortigen Abzug der israelischen Truppen gefordert, und zwar unter Aufsicht internationaler Beobachter. Doch lehnten sie alle auch die israelische Bedingung für den Rückzug ab: die Einstellung des Feuers auf Gilo, das eine illegale Siedlung wie jede andere sei und nicht Teil der israelischen Hauptstadt.

Der israelische Außenminister Schimon Peres, der sich gegen den Einmarsch in Beit Jallah ausgesprochen hatte, nahm telefonisch Kontakt zu Jassir Arafat und anderen hochgestellten palästinensischen Politikern auf. Peres bot Arafat in zwei Telefonaten den Abzug aus Beit Jallah an, sobald das Feuer auf Gilo eingestellt werde. Arafat seinerseits forderte die Stationierung internationaler Beobachter in Beit Jallah und einen sofortigen Truppenabzug. Mit einem vom deutschen Außenminister Joschka Fischer eingefädelten Treffen Arafat-Peres in Berlin ist trotz der Telefonate zwischen den beiden in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Dies erklärte Peres auch Fischer.

Das israelische Massenblatt "Yedioth Ahronoth" veröffentlichte eine Meinungsumfrage, die eine breite Unterstützung für den Einmarsch aufzeigt: 75 Prozent fanden ihn richtig. Allerdings schlugen die Mörsergranaten in Gilo erst nach der Umfrage ein.

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