Politik : Nahost-Krise: "Kämpfe können ein Jahr dauern"

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Bei neuen Straßenschlachten im Gazastreifen und im Westjordanland wurden am Dienstag zwei jungendliche Palästinenser getötet, mindestens 80 weitere erlitten Verletzungen. Am Rande von blutigen Zusammenstößen am Grenzübergang Eres zwischen Israel und dem Gazastreifen wurde am Dienstag ein 16-jähriger Jugendlicher im Bauch getroffen und starb später im Krankenhaus. Ein weiterer junger Palästinenser wurde durch Schüsse bei Dschenin im Norden des Westjordanlandes getötet.

In der geteilten Stadt Hebron bewarfen wütende palästinensische Demonstranten Soldaten mit Brandsätzen. In der Nähe der Autonomiestadt Nablus im nördlichen Teil des Westjordanlandes beschossen militante Palästinenser einen israelischen Stützpunkt. Im Gazastreifen starb ein 13 Jahre alter Junge, der am Wochenende bei Kämpfen mit israelischen Soldaten verletzt worden war.

Die israelische Armee richtet sich nach eigenen Angaben indes auf ein längeres Anhalten der jüngsten Unruhen in den Palästinenser-Gebieten ein. Dies sagte ein Militärsprecher am Dienstag im Armeerundfunk unter Berufung auf das Oberkommando des Heeres. Die Palästinenser hätten offenbar die strategische Entscheidung getroffen, auf die eine oder andere Art auf einen unabhängigen Palästinenser-Staat mit Jerusalem als Hauptstadt hinzuarbeiten. Die Zeitung "Haaretz" zitierte den Generalstabschef Schaul Mofas mit den Worten, die Kämpfe mit den Palästinensern würden noch "mindestens ein Jahr" dauern. Das Heer bereitet sich nach Angaben des Militärsprechers auch auf die Möglichkeit vor, dass die islamistische Hisbollah-Miliz Syrien in die Kämpfe hineinziehe. Es sei jedoch falsch, die Situation als Krieg zu bezeichnen: "Das ist eine andere Liga."

Die palästinensische Polizei nahm unterdessen nach eigenen Angaben einen mutmaßlichen "Kollaborateur" der israelischen Armee fest. Der Palästinenser habe von der Ortschaft Beit Dschala auf die jüdische Siedlung Gilo geschossen, sagte ein palästinensischer Sicherheitsbeamter. Nach seiner Festnahme habe er gestanden, für israelische Sicherheitskräfte zu arbeiten. Demnach soll der Festgenommene bewusst eine Reaktion der israelischen Armee provoziert haben. Israelische Panzer und Hubschrauber hatten zurückgefeuert, nachdem die jüdische Siedlung beschossen worden war.

Israels Ministerpräsident Ehud Barak setzte seine Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer "Regierung des nationalen Notstands" fort. Bei einem Treffen mit Oppositionsführer Ariel Scharon am Vorabend hatten sich die beiden zunächst nicht auf die Bedingungen für einen Eintritt des rechtsorientierten Likud-Blocks einigen können. Scharon verlangt, dass Barak alle Zugeständnisse zurücknimmt, die er im Juli in Camp David Palästinenserpräsident Jassir Arafat in Aussicht gestellt hatte. Der frühere israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte sich indes zurückhaltend über die Bildung einer Notstandsregierung. Bei einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitslage müsse der Likud wohl einer solchen Regierung beitreten, sagte Netanjahu am Dienstag im israelischen Rundfunk. Die Bedingung dafür sei aber, dass die Regierungsbeteiligung zeitlich begrenzt bleibe und ein Datum für vorgezogene Neuwahlen festgelegt werde. Laut Netanjahu müsse das Volk zwischen Baraks "ständigen Zugeständnissen" an die Palästinenser und der von der Likud-Opposition verfolgten Politik der "Abschreckung" entscheiden. Vor allem dürfe nicht die Situation entstehen, dass Barak auf dem Rücken von Likud versuche, ein Abkommen mit Arafat zu schließen.

Barak hatte am Sonntag eine unbefristete "Pause" im Friedensprozess mit den Palästinensern verkündet.

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