Politik : Nahost: Last Exit Bethlehem

Charles A. Landsmann

Weihnachten wird in Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, in diesem Jahr noch trister ausfallen als im vergangenen. Nur 6000 Gäste erwartet die Stadt im Dezember. Im Jahr davor waren es immerhin noch 25 000, obwohl die Intifada bereits begonnen hatte. Palästinenserpräsident Jassir Arafat wollte das Schlimmste verhindern. Doch die Besatzungsmacht Israel verlangt dafür einen hohen politischen Preis von ihm.

Abstimmung per Telefon

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Die Regierung des jüdischen Staates Israel untersagt dem Muslimen Arafat die Teilnahme am christlichen Weihnachtsfest in Bethlehem. Zuerst stellte Ariel Scharon Arafat ein Ultimatum: Nur wenn er die sofortige Verhaftung der Mörder des israelischen Tourismusministers Rechawam Seewi veranlasse, dürfe er Ramallah verlassen, um ins benachbarte Bethlehem zu fliegen. Als Arafat, wie es seine Gewohnheit ist, auf das Ultimatum nicht reagierte, sondern darum ersuchte, mittels zweier jordanischer Hubschrauber von Ramallah ins fast benachbarte Bethlehem fliegen zu dürfen, ließ Scharon sein Sicherheitskabinett per Telefon abstimmen - mit dem von ihm erwünschten, allerdings extrem knappen Resultat. Mit sieben zu sechs Stimmen blieb es in der Nacht zum Sonntag bei dem Flugverbot für Arafat, von dem über die Verhaftung der Seewi-Mörder hinaus nun erneut totaler Kampf gegen den Terror verlangt wird - wenn er denn noch fliegen wolle. Zwar hatte Arafat schon zuvor angekündigt, er werde notfalls laufen: "Auch wenn ich zu Fuß kommen muss, komme ich an die Messe." Doch erstens kann der kränkliche Mann die Strecke nicht bewältigen, zweitens würde er durch die israelischen Straßensperren rund um Jerusalem aufgehalten. Weil Israel seine präsidialen Hubschrauber zu Beginn des letzten Vergeltungsschlages zerstört hat, ist Arafat deshalb auf den Transport mittels von Jordanien zur Verfügung gestellter Hubschrauber angewiesen.

Bei diesen Weihnachten geht es in und um Bethlehem weniger denn je um Religion und Glauben, dafür umso mehr um Politik und Macht. Die Bethlehemer Stadtverwaltung hatte vor einiger Zeit schon angekündigt, sie werde - wie schon im letzten Jahr - das Fest aus Rücksicht auf die kriegerischen Geschehnisse nur auf die religiösen Zeremonien beschränken. Doch Jassir Arafat persönlich ordnete die Feier an, ohne Trauerzeremonien und mit möglichst vielen Chören und Orchestern - natürlich in der Hoffnung, dass ihm die Fernsehbilder, die ihn mit dem Patriarchen von Jerusalem bei der Mitternachtsmesse zeigen, in der christlichen Weltöffentlichkeit Punkte bringen.

Trümmer und Sandsäcke

Tatsächlich machte sich die Stadtverwaltung mit großer Energie in den letzten Wochen daran, die schweren Schäden auszubessern, welche die heftigen Kämpfe der letzten Monate und vor allem die vorübergehende erneute Besatzung durch israelische Panzertruppen den Straßen zugefügt hatten. Doch die Kampfspuren sind allgegenwärtig im so genannten christlichen Dreieck von Bethlehem und namentlich in Beit Dschala, das dem Jerusalemer Außenviertel Gilo gegenüberliegt: Ganz oder teilweise zerstörte Häuser, ausgebrannte Stockwerke, Trümmerhaufen, Schutz-Sandsäcke, Menschen mit Waffen.

In keinem einzigen der für das Heilige Jahr 2000 errichteten Luxus-Hotels ist auch nur ein Zimmer gebucht. Einige, wie das "Paradies" sind zerstört, in anderen haben die israelischen Truppen gewütet. Am frühen Morgen des 16. Dezember brach im fünften Stock des "Bethlehem Inn", das im israelisch kontrollierten Gebiet liegt, unter den Augen der dort seit 14 Monaten stationierten israelischen Soldaten ein verheerendes Feuer aus, das auch dieses Hotel weitgehend zerstörte. Viele andere Hotels sind ohnehin geschlossen, die übrigen nur von hoffnungslosen Angestellten bevölkert: Kein Tourist weit und breit, keine Aussicht auf Pilger, keine Buchung oder Bestellung - nichts.

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