Politik : Nahost: Mit dem Sturmgewehr gegen die Machtzentrale

Charles A. Landsmann

Das "Kiriya"-Viertel in Tel Aviv ist das militärische und vielleicht auch das politische Machtzentrum des jüdischen Staates. In diesem von besonders verkehrsreichen Hauptstraßen umschlossenen Dreieck mitten in der Metropole des Landes befinden sich das Armeehauptquartier und das Verteidigungsministerium - aber auch die Dependancen des Amtes des Ministerpräsidenten und aller anderen Ministerien. Hierhin feuerten die irakischen Scud-Raketen im Golfkrieg 1991 - und verfehlten den hohen Nadel-Turm mit seinen riesigen Antennen über dem Hochhaus, in dem der Generalstabschef und Verteidigungsminister kommandieren und herrschen.

Und genau hier eröffnete am Sonntag zur Mittagsstunde ein palästinensischer Terrorist das Feuer auf Soldaten. Zehn Personen, acht Soldaten, ein israelischer Zivilist und ein Gastarbeiter, wurden leicht verletzt. Der Täter, ein 30-jähriger Familienvater aus Ost-Jerusalem, wurde auf der Flucht schwer getroffen. Er hatte sein Auto am Straßenrand abgestellt, geschossen und wollte danach vom Tatort wegfahren. Ein Verkehrspolizist versperrte mit seinem Streifenwagen den Fluchtweg und schoss auf den Täter, der die Gewalt über seinen Wagen verlor und in einen Strommast raste.

Die israelische Regierung reagierte mit Verblüffung. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet, dass ein Einzeltäter das militärische Machtzentrum mit Schüssen aus einem M-16-Sturmgewehr einen Angriff startet. Vielmehr rechnet Israel ständig mit islamistischen Selbstmordattentätern oder Autobomben.

Schon am Vortag und in der Nacht auf Sonntag hatten die Palästinenser überrascht, als sie plötzlich mehrfach das Jerusalemer Außenviertel Gilo von Beit Jala aus aufs Heftigste beschossen, Schaden in vierzehn Wohnungen anrichteten und eine Frau leicht verletzten. Die israelische Armee hielt sich nach der ersten Attacke zurück, doch danach antwortete sie ihrerseits mit massivem Beschuss der autonomen palästinensischen Kleinstadt bei Bethlehem.

Seit Freitag hat sich die Zahl der Zwischenfälle und ansonsten meist kleineren bewaffneten Konfrontationen deutlich erhöht, ohne dass beide Seiten Tote beklagen mussten. Auch gab es nur wenig Verletzte.

Und in seiner Bilanz des Wochenendes hatte der israelische Verteidigungsminister Binyamin Ben-Eliezer nur Spott für den Intifada-Anführer Marwan Barghuti übrig, der behauptet hatte, die israelische Armee habe ihn zu ermorden versucht. Wenn sie dies wollte, so Ben-Eliezer, dann könnte sie dies jederzeit tun, da sie ihn unter ständiger Kontrolle halte. Am Samstagnachmittag waren aus der über der palästinensischen Westbank-Stadt Ramallah gelegenen Siedlung Psagot zwei Raketen auf ein Auto abgeschossen worden, in dem sich Barghutis engster Helfer und persönlicher Leibwächter befand. Nachdem die erste Rakete das in unmittelbarer Nähe von Barghutis Hauptquartier befindliche Auto verfehlt hatte, konnte der Leibwächter flüchten. Barghuti sprach indes von einem Anschlag auf sein Leben, beschuldigte Israels Premier Ariel Scharon eines "feigen Mordversuches" und drohte nicht nur mit der Fortsetzung der Intifada, sondern mit deren Eskalation. Doch die israelischen Sprecher behaupteten, man habe genau gewusst, dass Barghuti sich nicht im attackierten Auto befinde. Barghuti wolle sich bloß zum Märtyrer stilisieren, um im Machtkampf gegen seinen Rivalen "zu punkten"

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