Politik : Nahost: Unscharfe Trennlinie

Andrea Nüsse

Im Nahost-Konflikt gibt es zwei unterschiedliche Ansichten darüber, wer der Aggressor und wer das Opfer ist. Was die einen Terrorismus nennen, sehen die anderen als nationalen Befreiungskampf an. Doch nicht nur unterschiedliche politische Ansichten drücken sich in der Wortwahl aus, es gibt hier auch sprachliche und kulturelle Feinheiten, die manchmal unterzugehen drohen. So wird im Westen der Begriff "Märtyrer" mehr und mehr ausschließlich mit Selbstmordattentätern gleichgesetzt.

Manchmal wird die Trennlinie zwischen "Märtyrern" und Selbstmordattentätern in der arabischen Welt bewusst unscharf gelassen. Zuletzt kam es deshalb zum Eklat, als US-Außenminister Powell Saudi-Arabien die Unterstützung von Terrorismus vorwarf. Grund war ein Bericht auf der Website der saudischen Botschaft in Washington, auf der ein Unterstützungskomitee zu Spenden für Familien palästinensischer Gefangener und "Märtyrer" aufrief.

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"Ein Shahid (Märtyrer auf Arabisch) ist eine Person, die ungerechterweise getötet wird", erklärt der Professor für Islamische Studien an der Universität von Jordanien, Hamdi Murad. "Wenn mir auf der Straße jemand eine Pistole vorhält und mein Geld verlangt und mich dann tötet, weil ich es ihm nicht geben wollte, bin ich ein Märtyrer."

Der arabische Begriff wird allerdings nur für Menschen verwandt, die an Gott glauben. Denen wird laut Koran versprochen, dass sie ins Paradies kommen, erklärt der Ex-Generalsekretär des jordanischen Ministeriums für Religionsangelegenheiten. In den 1967 von Israel besetzten Gebieten geht Murad davon aus, dass die Israelis die Aggressoren sind, weil sie das Land besetzt halten, das ihnen nicht gehört. Damit sind laut Murad alle Palästinenser, die in den besetzten Gebieten durch israelische Kugeln, aber auch an den Folgen von Abriegelungen sterben, Märtyrer.

Damit ist die Frau in Betlehem gemeint, die von israelischen Soldaten erschossen wird, weil sie ihre Haustür nicht öffnet. Die Definition gilt aber auch für den Kämpfer, der israelische Besatzungssoldaten angreift. Anders als viele Rechtsgelehrte in der islamischen Welt zählt Murad Selbstmordattentäter, die ihre Taten in Israel selbst begehen, nicht zu Märtyrern. Seiner Ansicht nach verlangt der Islam eine für alle Seiten akzeptable Lösung des Konfliktes. "Wir können die fünf Millionen Israelis heute nicht vertreiben, denn sie haben kein anderes Zuhause mehr", erklärt er. "Das wäre Unrecht". Israel müsse respektiert werden, so wie Israel einen Palästinenserstaat in den 1967 besetzten Gebieten akzeptieren müsse. Daher fallen Selbstmordanschläge in Israel seiner Ansicht nach nicht unter den islamischen Begriff des Märtyrers. Diese Interpretation ist in der islamischen Welt heute wohl nicht mehrheitsfähig. Die Selbstmordattentäter werden allgemein zu den Märtyrern gezählt. Eindeutig ist aber, dass der Begriff "Shahid" nicht auf diese Bedeutung verengt werden kann. Wenn Palästinenserpräsident Arafat sich bereit erklärt, als "Märtyrer" zu sterben, heißt das nicht, dass er ein Selbstmordattentat plant. Es bedeutet laut Murad, dass er sich beispielsweise eher in seinem Büro erschießen lässt, als sein Land zu verlassen.

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