Politik : Nationaler Ethikrat: "Das Parlament bleibt souverän" - Hans-Jochen Vogel im Interview

Robert Birnbaum

Hans-Jochen Vogel (76) ist Mitglied des Nationalen Ethikrats. Er vertritt eine ähnlich skeptische Position wie Justizministerin Herta Däubler-Gmelin.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Wie bewerten Sie die derzeitige Debatte über die Gentechnik in Deutschland?

Sehr positiv. Sie ist überaus ernsthaft. Dazu hat auch die Berliner Rede von Johannes Rau beigetragen. Auch die Bundestags-Debatte war ganz vorzüglich. Sie hat dem Bundestag alle Ehre gemacht und gezeigt, wie man Fragen diesen Ranges generell behandeln sollte.

Welchen Beitrag kann jetzt der Ethikrat zur Gentechnik-Diskussion leisten?

Er kann Sachverhalte klären, mögliche Fortschritte der Forschung und insbesondere auch Heilungschancen zu beurteilen versuchen und ethische Prinzipien auf bestimmte Tatbestände anwenden. Daraus kann er dann Folgerungen ableiten.

Bereits vor der heutigen konstituierenden Sitzung gab es scharfe Kritik am Ethikrat. Dieser sei eine "Zumutung" für das Parlament und seine Enquete-Kommission - hieß es etwa nicht nur von Seiten der Opposition.

Der Vorwurf erscheint mir unberechtigt. Das Parlament ist und bleibt souverän und trifft seine Entscheidungen in eigener Verantwortung. Die substantielle Bedeutung der anliegenden Fragen mag es rechtfertigen, dass sich neben der Enquete-Kommission des Bundestages auch eine von der Bundesregierung berufene Kommission mit der Thematik beschäftigt.

Andere Kritiker halten den Ethikrat für einen "Spielball der Interessen".

Die in diese Kommission berufenen Persönlichkeiten scheinen sich mir kaum als "Spielbälle" zu eignen.

Dennoch scheint eine Mehrheit der Mitglieder eher einen forschungsfreundlichen Kurs in der Gentechnik zu favorisieren, genau wie der Bundeskanzler.

Ich rate, nicht zu spekulieren, sondern die konkrete Arbeit abzuwarten. Die Zusammensetzung des Rates umfasst jedenfalls alle Bereiche, die für das Thema relevant sind.

Offen ist unter anderem noch die Frage, wer den Vorsitz im Ethikrat übernimmt. Einige Mitglieder haben bereits signalisiert, dass Sie dafür besonders geeignet wären. Stehen Sie zur Verfügung?

Das eignet sich nicht zur öffentlichen Vorerörterung. Das ist nicht meine Art.

Wird man sich bereits am heutigen Freitag mit konkreten ethischen Fragen befassen?

Schon aus Zeitgründen wohl eher nicht.

Fühlen Sie sich als Ratsmitglied von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement überrannt, der embryonale Stammzellen aus Israel importieren will und nun fordert, der Ethikrat solle sich rasch dazu äußern?

Das Vorgehen Clements erscheint mir nicht besonders glücklich. Es erweckt den Eindruck als wolle er die Ergebnisse einer breiten Diskussion, die gerade erst begonnen hat, jedenfalls in einem Punkt vorwegnehmen. Und zwar in einem besonders sensiblen Punkt.

Eignen sich solche, ethisch derart wichtigen Fragen eigentlich überhaupt für eine breite nationale Diskussion, für einen Nationalen Ethikrat?

Dass diese Frage unter den Industrie- und Forschungsländer weltweit eine große Rolle spielt und akut ist, stimmt natürlich. Aber das mindert doch unsere eigene Verantwortung nicht. Und es mindert nicht die Notwendigkeit, dass wir uns eine Position erarbeiten und nicht einfach gucken, wie der Hase nun einmal läuft.

Inwieweit spielt bei diesen Fragen auch unsere nationalsozialistische Vergangenheit eine Rolle?

Wir dürfen auf keinen Fall übersehen, dass wir in Deutschland aufgrund unserer Geschichte im Umgang mit Leben und menschlicher Existenz Grund zu besonderer Sensibilität haben.

Ist es richtig, dass Sie weder die Präimplantationsdiagnostik noch die Forschung an embryonalen Stammzellen in Deutschland zulassen möchten?

Dazu möchte ich mich zunächst innerhalb des Rates äußern. In der Tendenz stehe ich den Positionen von Johannes Rau nicht fern.

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