Nato-Gipfel : Russland und die Nato: Aus einem Flirt soll Freundschaft werden

In Portugal finden die Nato und Russland zueinander. Angela Merkel nennt die Annäherung an den Feind aus Zeiten des Kalten Krieges "historisch".

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Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Nato-Gipfel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Nato-Gipfel.Foto: dpa

Man merkt es der Kanzlerin an, dass dieser Gipfel in Lissabon tatsächlich einen besonderen Moment in ihrem politischen Leben darstellt. „Historisch“ nennt Angela Merkel die Annäherung der Nato an den Feind aus Zeiten des Kalten Kriegs. Ein oft gehörtes Wort in diesen Gipfeltagen. Aber für die ostdeutsche Pastorentochter scheint es mehr als reine Rhetorik zu sein. Sie wirkt nicht euphorisch, eher ernsthaft. Was jedoch als Ausdruck ihrer Leidenschaft gelten darf. Vor allem in jenem Moment, als sie vor überzogenen Erwartungen warnt – aus Sorge, sie könnten enttäuscht werden und der langfristige Schaden den kurzfristigen Nutzen überwiegen. Vor der Nato liege „noch ein weiter Weg“ zum Ziel gemeinsamer Sicherheit mit Russland, sagt die Kanzlerin. Aber wenn er gegangen wird, und in dieser Formel fließt ihr Gefühl von der Bedeutung dieses Tages zusammen, „dann könnte das wirklich das Ende des Kalten Krieges bedeuten“.

Man muss ein bisschen ausholen, um zu erklären, warum es die CDU-Chefin an diesem Punkt nicht nur intellektuell, sondern auch emotional packt. Aus ehemaligen Feinden sollen Freunde werden. Darum – und um nicht weniger – geht es. Die Nato, gegründet 1949 als Verteidigungsbündnis gegen die vom Kreml in Moskau dominierte Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, lädt 20 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation Russland zur Mitarbeit ein. Ein Russland, das den Westen, wie zuletzt im Kaukasuskrieg, oftmals ratlos zurücklässt. Ein Russland auch, das dem Westen – zu Recht – Wortbruch vorwirft: Als es um die Nato-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands ging, hat Russland dem zugestimmt, unter der Bedingung, dass die Nato auf weitere Osterweiterungen verzichte. Das hat sie zugesagt – und in den Folgejahren einen osteuropäischen Staat nach dem anderen aufgenommen. Als US-Präsident George W. Bush seine Version eines US-Raketenschirms vorstellte, bilateral, mit Polen und Tschechien, fühlte sich Moskau düpiert, weil es fürchtete, der Schirm richte sich gegen die eigenen Raketen.

Und nun: das Angebot, Partner zu sein, mindestens zu werden. Gemeinsam vorzugehen bei der Terror-, Drogen- und Pirateriebekämpfung. Gar zusammenzuarbeiten auch bei dem erst am Vortag beschlossenen Raketenabwehrschirm. Und der russische Präsident Dmitri Medwedew sagt nicht „njet“, sondern kommt zum Nato-Gipfel, signalisiert, was viele schon überrascht, Gesprächsbereitschaft. Doch damit nicht genug: Am Samstag sagt er, wenn auch unter Bedingungen, seine Mitwirkung auch noch tatsächlich zu.

Möglich wurde das nur, weil US-Präsident Barack Obama weniger konfrontativ ist als Bush. Weil Medwedew konzilianter nicht nur im Ton ist als Wladimir Putin. Vor allem aber: Weil die osteuropäischen Staaten sich einen Ruck geben. Sie empfinden Moskau nach wie vor als mindestens potenzielle Bedrohung, weil sie, die sich nach 1990 losgesagt und unabhängig gemacht haben, oft genug die Missbilligung russischer Regierungen zu spüren bekommen haben. Doch selbst sie ringen sich an diesem Wochenende dazu durch, die größeren Bedrohungen außerhalb von Nato und Russland zu sehen. Und mehr noch: Russland sogar als möglichen Partner im Kampf gegen diese Bedrohungen zu begreifen.

Das ist die tatsächlich historische Wende, die in Lissabon vollzogen wurde. Das ist es, was Merkel als „wirklich bedeutsamen Schritt“ feiert. Freilich, nicht ohne bald zur üblichen Abgeklärtheit zurück zu finden. Denn, mahnt sie alle, denen es nicht schnell und weit genug gehen kann, „wir dürfen jetzt nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen“. Will sagen: Was die Nato zunächst einmal anstrebt, ist eine gemeinsame Bedrohungsanalyse mit den Russen. Erst danach könne man überlegen, wie diesen Bedrohungen am besten zu begegnen sei. Und erst dann lasse sich prüfen, ob die in Frage kommenden technischen Systeme überhaupt zusammenpassen.

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