Navigationsgeräte : Seid keine GPS-Befehlsempfänger!

Wer noch Karten liest, erfährt mehr von der Welt. Ein Plädoyer.

Peter von Becker
Hilft das Navi oder verwirrt es nur? Ein Auto unterwegs auf dem Berliner Kaiserdamm.
Hilft das Navi oder verwirrt es nur? Ein Auto unterwegs auf dem Berliner Kaiserdamm.Foto: AFP

Kürzlich wollten uns Freunde aus München besuchen. Sie wohnten während ihres Aufenthalts in Kreuzberg, hatten einen Mietwagen mit Navi und brauchten ungefähr eine Stunde bis nach Charlottenburg. Das Navi hatte sie trotz verkehrsarmer Zeit über die Stadtautobahn gelotst – in einen Stau. Der Stau war natürlich Pech, der Weg aber Blödsinn.
Nun sind Glossen über eigensinnige Navigationsgeräte ungefähr so originell wie einst Erlebnisse mit Taxifahrern. Gleichwohl gibt es noch immer Taxis – und immer mehr Navis. Autos ohne Navi geraten zur Seltenheit und werden weniger geklaut. Die vorne ohne, obwohl eigentlich exklusiver, gelten offenbar als weniger attraktiv. Ich sage hier nicht, zu welcher Fahrerklasse (Navi oder nicht Navi) ich selber gehöre, ich möchte das Schicksal nicht herausfordern.

Das Ganze verstehen und nicht nur einen Ausschnitt

Mir geht’s vielmehr ums eigenhändige Kartenlesen. Also um eine sich beschleunigt verlierende Kulturtechnik. Wer allein Navis kennt und sein GPS nutzt, könnte bereits zu denen gehören, denen eine reale Landkarte oder ein Stadtplan nicht nur beim oft etwas umständlichen Entfalten oder dem Entziffern von Orten, Plätzen und Straßennamen Schwierigkeiten bereitet.
So begegnen wir immer mehr Menschen, deren räumliche Orientierung einer Art von geografischem Analphabetismus gleicht. Da werden Himmelsrichtungen locker verwechselt, und ohne Kartenlesekenntnis kann kaum noch jemand begreifen, warum in älteren Texten vom hohen Norden oder tiefen Süden die Rede ist. Auch fehlt das Verständnis von (topografisch) oben und unten.

Orientierung kommt von Orient

Apropos Orientierung: In dem Wort steckt tatsächlich der Begriff „Orient“ – weil auf mittelalterlichen Land- und Weltkarten in unseren jüdisch-christlich geprägten Breiten Jerusalem noch das Zentrum war. Jerusalem lag aus europäischer Sicht im Orient, im Morgenland, darum galt die „orientierende“ Ausrichtung als geistiger Kompass. Europa hingegen blieb nur der Sonnenuntergang des Abendlandes.
Größere, über jedes gängige Navidisplay hinausreichende Karten und Pläne geben für Stadt, Land, Fluss und die uns umgebenden Meere eine plastische Vorstellung: von Räumen, Entfernungen, Proportionen. Ich weiß oft erst, wo ich bin, wenn ich zugleich sehe, wo ich nicht bin. Und ich erfahre einen Ort am sichersten, wenn ich ihn nicht nur im Ausschnitt, sondern im Verhältnis zu seiner gesamten topografischen Struktur erfahre, erlaufe, begehe, durchlebe. Wenn ich den Plan mit der Realität in Beziehung zu setzen vermag und auf Erden auch mal selber in die Irre gehen kann, also nicht bloß als GPS-Befehlsempfänger einem satellitengesteuerten Himmelfahrtskommando folge.

Dies soll freilich kein Lamento sein. Eher eine Anregung, wieder oder weiter Karten lesen zu lernen, von der Schule bis zur Bahre. Beim Reisen nämlich verbündet sich die lebenslange Lust am Pläneschmieden mit dem Vergnügen, Pläne zu lesen: also vorab schon mit dem Finger Berge, Küsten, Länder und Meere zu durchfahren, sich die Ziele auszumalen, in Gedankenflügen abzuheben. Das gilt auch jetzt, wo der Sommer vorüber ist, aber in Berlin bald die Herbstferien winken. Außerdem bedeutet das Ende jeder Reise den Beginn einer nächsten, so oder so.
Die Geschichte der Karten dieser Welt ist ja eine der Menschheitswunder: von der fabelhaft schönen Himmelsscheibe aus Nebra über die mesopotamischen Tontafeln, die altgriechischen Erd- und Meerzeichnungen, die ptolemäischen Karten oder die kostbaren Kupferstiche eines Matthäus Merian. Jeder weiß oder ahnt doch, wie schwer es fällt, als Zeuge etwa eines Unfalls oder eines besonderen Erlebnisses davon später eine räumlich halbwegs zutreffende skizzenhafte Darstellung zu geben.

Kartenlesen ist eine Kulturtechnik

Es macht einen darum immer wieder staunen, wie schon in der Antike oder auf den Karten des Atlantikseglers Amerigo Vespucci Menschen so relativ exakte Vorstellungen von Kontinenten, Inseln und Meeren aufzeichnen konnten. Menschen, die nie aus einem Flugzeug eine großflächige Draufsicht und zudem kaum Vermessungsgeräte hatten. Wer nur auf einem Boot heute entlang einer zerklüfteten Küste schippert, fragt sich bisweilen, wie man die Ansicht der unüberschaubaren Landformationen in einen genauen Verlauf bringen könnte und dies gar in Proportion zu all den unsichtbaren Land- und Meermassen jenseits des eigenen Horizonts. Aber dafür gibt es Karten, diese geisterhaften Weltvorstellungen, die uns auch sicher in den nächsten Hafen geleiten. Welch ein Glück!

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