Politik : Nepal: Folgt auf das Blutbad im Palast ein Bürgerkrieg?

Gabriele Venzky

Nepal hat am Montag bereits den zweiten König innerhalb von drei Tagen bekommen. Der hat als erstes Truppen in den Straßen von Kathmandu aufmarschieren und ein Ausgehverbot erklären lassen. Denn die Athmosphäre in der nepalesischen Hauptstadt ist angespannt. Es hat bereits Tote und Verletzte gegeben, als die Soldaten versuchten, aufgebrachte Menschenmengen auseinanderzutreiben, die immer drängender Aufklärung über die Geschehnisse am Freitagabend im Palast verlangen. Wer hat die Königsfamilie erschossen, wollen die Leute wissen, und warum? Neun Mitglieder der königlichen Familie sind bei dem Massaker ums Leben gekommen. Kronprinz Dipendra wurde lebensgefährlich verletzt ins Militärhospital gebracht, wo er eilig zum neuen König ernannt wurde, obwohl er bis zu seinem Tod am Montag nicht mehr aus dem Koma erwachte. Dabei hatten mit Sorgfalt ausgestreute Gerüchte zunächst behauptet, er sei der Massenmörder gewesen.

In der ersten offiziellen Stellungnahme des Palastes hieß es dann aber, das Ganze sei ein "Unfall" gewesen. Aus einer Maschinenpistole hätten sich versehentlich Schüsse gelöst, vielleicht habe es auch eine Explosion gegeben. Aber: Wie kann unbemerkt ein derart großes Schießgerät in den Speisesaal geschmuggelt werden?

Fragen über Fragen. Es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass darüber die ganze nepalesische Monarchie auf der Strecke bleibt. In den Straßen von Kathmandu wird bereits zum Sturz des neuen Königs Gyanandra aufgerufen. Der Bruder des ermordeten Birendra gilt als stockkonservativ, und weder er noch sein Sohn, der neue Kronprinz, sind beliebt. Das Land befindet sich ohnehin in einer schweren politischen Krise. Allein die Person des ermordeten Birendra hat in den letzten Jahren noch Stabilität garantiert. Nicht nur, weil er in diesem tiefgläubigen hinduistischen Land als die Wiedergeburt des Gottes Vishnu verehrt wurde, sondern weil dieser König im letzten Jahrzehnt eine wahrhaft bemerkenswerte Wandlung durchgemacht hatte: vom verhassten absolutistischen Herrscher zum Hüter des Rechts, dem als einzigen das Volk noch am Herzen zu liegen schien.

Erst 1990 war in Nepal die letzte absolute Monarchie der Welt nach einer kurzen aber blutigen Revolution gestürzt worden, die von den Intellektuellen der Städte, vor allem aber von mächtigen und wohlorganisierten Kommunisten getragen wurde. Der Volkszorn richtete sich damals nicht nur gegen das Königshaus, das immer reicher wurde, während die Entwicklungshilfemillionen aus dem Ausland nirgendwo anzukommen schienen. Sondern vor allem gegen jenes schwer zu definierende Instrument, das allgemein "der Palast" hieß: der Repressionsapparat des herrschenden Ranas-Clans und seiner im ganzen Land verbreiteten Räte.

Doch die vor zehn Jahren erkämpfte Demokratie brachte ein böses Erwachen. Praktisch alle anderthalb Jahre hat seitdem die Regierung gewechselt, machtbesessene alte Männer sind es, die sich im Amt des Regierungschefs die Klinke in die Hand geben. Männer, die nur sich und nicht das Land im Blick haben. Mal sind die Konservativen dran, dann wieder die Kommunisten. Schließlich ist Nepal - abgesehen von dem indischen Unionsstaat West-Bengalen mit doppelt sovielen Einwohnern, das einzige Land der Erde, in dem Kommunisten bei demokratischen Wahlen noch an die Macht kommen.

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