Politik : …Netzers Hefezunge spricht

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Günter Netzer verkörpert das alte Deutschland. Er steht für die Jahre, in der die Haare über den Kragen hingen. Er hat eine einzige Mode mitgemacht, die genügt ihm, er braucht keine neue. Den Zeitgeist lässt er passieren. Gut ist, was sich bewährt hat. Die eben eingeführte Abseitsregel? Netzer sagt: „Die Regeln der heutigen Zeit, ich bin ein Gegner davon.“

Horst Köhler und Jürgen Klinsmann verkörpern das neue Deutschland. Sie lachen viel. Sie wollen Veränderung. Sie wollen Deutschland gesundlachen. Günter Netzer lacht nie. Er war immun gegen die Spaßgesellschaft von Guido Westerwelle, er ist immun gegen die Botschaft, ein halb volles Glas sei besser als ein halb leeres.

Die Prediger der halb vollen Gläser lieben einfache Wahrheiten. Steuern runter! Netzer dagegen sieht die Welt, wie sie ist: „komplex“ (J. Fischer) mit „Herausforderungen“ (G. Schröder) durch die „Globalisierung“ (E. Stoiber). Deshalb verfängt bei Netzer die Behauptung nicht, Fußball sei ein einfaches Spiel, man müsste auch einfach darüber sprechen. Fußballfreunde lieben es simpel: Das Spiel dauert 90 Minuten. Ein Klassiker unter den Fußballsätzen. Ein Satz von Netzer hingegen ist so lange unterwegs wie ein Satz von Peter Sloterdijk.

Hat die argentinische Mannschaft ein Konzept? Viele würden antworten: Nein. Netzer sagt: „Das ist nicht etwas, was man als solches bezeichnen könnte, als Konzept.“ Waren die Japaner gut? Viele würden antworten: Nein. Netzer sagt: „Das ist das, was die Japaner im negativen Sinne auszeichnet, keine Qualität zu entwickeln.“ Oder Kuranyi, der endlich mal wieder ein Tor geschossen hat. Viele würden sagen: Kuranyi hat endlich mal wieder ins Tor getroffen, super. Netzer sagt: „Das ist das Schöne, dass er seine Position so ausgeübt hat, dass er einen Abschluss hingebracht hat, was sonst so gefehlt hat, das ist etwas, was ich lobend erwähnen muss."

Für diese Art zu reden hat Netzer, der ARD-Experte, den Grimme-Preis bekommen, eine wichtige Auszeichnung für TV-Schaffende. Denn Netzer macht das Kleine groß. Netzer hat eine Hefezunge: Er legt sich ein einziges, winziges Wörtlein in den Mund und wartet; die körpereigene Hefe treibt dieses Wörtchen auf, bläht es, lässt es wachsen und schwellen, und irgendwann platzt ein gewaltigwuchtiges Satzungetüm aus Netzer heraus.

Heute abend transzendiert Günter Netzer erneut das Banale ins Sprachphilosophische. Er wird seine Funktion mit dem gebotenen Ernst ausüben. not

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