Politik : Neue Heimat Palästina

Das gab es nie im Westjordanland: eine moderne palästinensische Stadt. Eine Milliarde Euro wird in Rawabi investiert – für 40 000 Menschen. Besuch bei einem visionären Bauherrn.

Lissy Kaufmann
Zukunft. Das Gegenteil einer traditionellen palästinensischen Stadt.Foto: pa/dpa (2)
Zukunft. Das Gegenteil einer traditionellen palästinensischen Stadt.Foto: pa/dpa (2)Foto: picture alliance / dpa

Bashar Masri steigt mit forschen Schritten eine Treppe hinauf, tritt auf den Balkon und sieht in die Zukunft. Die Hände auf das Geländer gestützt, lässt er seinen Blick über Mehrfamilienhäuser schweifen, die hier Woche für Woche entstehen. Noch fehlen Fenster und Dächer. Unter dem Besucherzentrum schaufeln Bagger gerade das Loch für eine neue Moschee. Die Sonne bricht durch die Wolkendecke, Masri kneift die Augen zusammen. Er atmet tief, als beruhige ihn der Blick auf die Stadt. Seine Stadt. Doch noch ist sein Werk nicht getan.

Der palästinensische Geschäftsmann baut die erste moderne arabische Stadt des Westjordanlandes: Rawabi. Die Idee kam Masri vor knapp sechs Jahren. Es ist ein privates Projekt, die beiden Investmentfirmen Qatari Diar aus Katar und Massar International in Palästina haben bereits rund eine Milliarde US-Dollar dafür bereitgestellt.

Bisher wurden in den palästinensischen Autonomiegebieten keine arabischen Ortschaften von Städteplanern auf dem Reißbrett entworfen, sich gleichende Mehrfamilienhäuser hochgezogen. Dörfer wachsen hier Jahrzehnt für Jahrzehnt heran. Masri ändert das, indem er gut 15 Kilometer nördlich von Ramallah, in eine trockene Hügellandschaft hinein, Rawabi errichtet.

Man könnte meinen, die Palästinenser freuten sich darüber. Doch das Projekt ist umstritten. Im Westjordanland finden viele, es dürfe keine Normalität eintreten, schon gar keine angenehme. Das verharmlose die Besatzung und zeige, dass ein schönes Leben hier möglich sei. Genau das will Masri mit seiner Stadt nach Plan.

Für Masri ist Rawabi ein Beweis: „Wir können es schaffen. Wir zeigen der Welt, dass wir eine Stadt und auch ein Land aufbauen können.“ Der palästinensische Journalist Ghassan Bannoura kennt das Projekt und die Stimmung im Westjordanland: „Die Liberalen und Linken sagen: Bevor wir hier neue Städte planen, sollten wir über den Siedlungsbau nachdenken und darüber, dass wir unsere Besatzer für so viele Dinge um Erlaubnis bitten müssen.“

Draußen verschmieren die Reifen der Lastwagen lehmbraune Erde auf den Straßen. Bauarbeiter in gelben Jacken wuseln zwischen den Baucontainern umher. Zwei Kräne schwingen gemächlich in großen Bögen. Drinnen im Besucherzentrum zeigt Masri, wie sein Rawabi in den kommenden Jahren aussehen soll. Er hat Hochglanzprospekte drucken, einen 3-D-Film produzieren und begehbare Modelle bauen lassen.

1500 Hektar groß soll die Stadt werden, 40 000 Menschen können dort wohnen. Rawabi heißt „Hügel“. Masris Bauten reihen sich stufenartig eine Anhöhe hinauf, dazwischen lässt er Bäume und Sträucher pflanzen, kleine Fußgängerwege mit Parkbänken und Mülleimern aufstellen. Für alle Mehrfamilienhäuser benutzt er dieselben beigefarbenen Steine.

Im Stadtkern errichten Bauarbeiter eine Einkaufsmeile mit Geschäften und Kinderspielplätzen. Gleichmäßige Steinbögen zieren die Eingänge der Läden, weiße Sonnenschirme sind vor den Cafés aufgespannt. Am Stadtrand entsteht eine Freilichtbühne für Konzerte und Theatervorstellungen. Keinen Zentimeter will Masri dem Zufall überlassen. An manchen Ecken weht die grün-rot-schwarze Palästinaflagge. Ohne sie könnte man die neue arabische Stadt für eine jüdische Siedlung halten.

Denn das muslimisch geprägte Westjordanland ist seit dem Sechstagekrieg 1967 von Israel besetzt. Seither werden dort israelische Siedlungen gebaut. Rund 2,4 Millionen Palästinenser leben neben 311000 Siedlern. Sie haben ihre eigenen jüdischen Dörfer und Städte, die international nicht anerkannt sind. Eine Besatzungsmacht darf laut den Genfer Konventionen keine Siedlungen für das eigene Volk auf besetztem Gebiet bauen. Die israelischen Siedlungen sehen aus wie Rawabi: modern, sauber, mit sich gleichenden sandsteinfarbenen Häusern und frisch geteerten Straßen.

Nach dem meditativen Blick auf sein Werk steigt Masri die Stufen des Besucherzentrums hinab. Er verlässt das Gebäude, schwingt sich in seinen Jeep und fährt hinunter in sein Büro in den Baucontainern am Eingang zur Stadt. Er grüßt die Bauarbeiter, die neben der Straße in einer Gruppe zusammenstehen. Die Männer winken zurück.

Masri, 52, stammt aus Nablus im Norden des Westjordanlandes, ging zum Studium in die USA, arbeitete in Europa und Saudi-Arabien. Keine seltene Karriere in der Region. Die wenigen, die im Westjordanland genug Geld haben und eine Familie, der Bildung wichtig ist, gehen zum Studium ins Ausland, wo die Auswahl an Universitäten größer ist und Abschlüsse mehr wert sind. Masris Stil ist westlich, er trägt ein kariertes Hemd und eine dunkle, elegante Funktionsjacke. Sein Gesicht hat er glatt rasiert, die grau melierten Haare dezent zur Seite gegelt. Er spricht einwandfreies Englisch, nur sein gerolltes „r“ verrät seine Herkunft.

„Ich hoffe, dass Ende des Jahres die ersten 600 Familien einziehen werden.“ Masri ist einer, der Pläne in die Tat umsetzt. Auch, wenn das hier nicht so einfach ist. Drei Jahre hat er darauf verwendet, einen Masterplan zu entwickeln und die nötigen Genehmigungen zu bekommen – teilweise auch von israelischer Seite.

Denn als Ergebnis der Osloer Friedensverhandlungen Anfang der 90er Jahre wurde das Westjordanland in drei Zonen unterteilt. Nach und nach sollten den Palästinensern Gebiete zur Selbstverwaltung überlassen werden. Mit dem Scheitern der Friedensverhandlungen blieb die Unterteilung bestehen – bis heute. Zone A kontrolliert die Palästinensische Autonomiebehörde vollständig. Zone B kontrolliert sie auch, allerdings regelt sie nur die zivilen Angelegenheiten, Sicherheitskontrollen unterliegen den Israelis. Zone C – mehr als 60 Prozent der Westbank – steht komplett unter israelischer Kontrolle.

Rawabi liegt in Zone A. Seine Zufahrtsstraße aber gehört zur Zone C. „Wir haben bis heute nur eine vorübergehende Genehmigung dafür, die wir immer wieder erneuern lassen müssen“, sagt Masri.

Das mag lästig sein, aber Masri ist ein pragmatischer Geschäftsmann. Viele seiner Baumaterialien kommen aus Israel. „Wir haben keine andere Wahl. Wir sind besetzt, die Israelis kontrollieren unsere Grenzen, unseren Im- und Export, die gesamte Wirtschaft. Wenn ich Zement brauche, muss ich ihn importieren.“

Nur fünf Prozent erlaubt die israelische Regierung Masri in anderen Ländern zu kaufen. Den Rest liefern israelische Firmen. „Was ist eigentlich falsch am Handel mit Israel?“, fragt Masri. Zwar müssten letztlich Politiker Frieden schließen, gute wirtschaftliche Beziehungen könnten diesen Prozess aber vorantreiben. Nur Produkte aus den Siedlungen sind tabu – das hat er in Verträgen festgezurrt. Wie gut und günstig sie auch immer sein mögen.

Vor allem aber schafft Masri mit seiner geplanten Stadt Arbeitsplätze. Die braucht Palästina dringend. Laut einem aktuellen UN-Bericht lag die Arbeitslosenquote im Westjordanland im Jahr 2011 bei rund 22,5 Prozent. Gut 81 000 Palästinenser arbeiteten in Israel oder in den Siedlungen. In Rawabi sind schon jetzt 3000 Menschen beschäftigt.

Einer von ihnen steigt an diesem Tag im Nachbarort Atara in seinen Wagen und macht sich auf den Weg in die neue Welt. Niaz Kadadha, 55, Vorarbeiter, ein hochgewachsener Mann mit gepflegtem Vollbart und dunklem Teint. Er trägt eine gelbe Schutzweste. Im Takt der Schlaglöcher, die sich über die enge Seitenstraße ziehen, schaukelt auf dem Rücksitz sein grüner Sicherheitshelm. Es ist ein helles, frühlingshaftes Grün und gehört zum Firmendesign Rawabis — grüne Plakate, Schlüsselanhänger, grüne Prospekte.

Zehn Minuten fährt Niaz aus dem Nachbarort. Auf den brüchigen Straßen rumpeln Busse vorbei, hier und da bieten Verkäufer Hühner in Plastikkäfigen und Fladenbrot auf Pritschen feil. Die tägliche Fahrt ist wie eine Zeitreise in die Stadt der Zukunft.

Atara ist ein alter 2000-Seelen-Ort. Wenn Kinder erwachsen werden und eine Familie gründen, wird aus- oder angebaut. Alte und neue Häuser stehen mal einige Meter voneinander entfernt, mal dicht beieinander. Auf den Dächern thronen schwarze Fässer, Wasserspeicher. Zwischendurch liegt ein von bröckelnden Steinmauern und rostigen Zäunen umringtes Feld mit Olivenbäumen. Die Straßen haben selten Namen, beleuchtet sind sie auch nicht. Stromleitungen verlaufen oberirdisch.

Niaz biegt nach rechts auf eine frisch geteerte, breite Straße. Hier beginnt Rawabi. Ab hier soll alles anders werden. Auch für Niaz. Den Schichtwechsel seines Lebens hatte er am 1. Februar 2012. „Bis dahin habe ich in israelischen Siedlungen auf dem Bau gearbeitet“, sagt er. 15 Jahre lang baute er Häuser für Israelis, die nach internationalem Recht gar nicht hier leben dürfen, auf einem Gebiet, für das die Palästinenser mal mit Munition, mal mit Protesten kämpfen.

„Ich habe meine Arbeit dort gut gemacht, ich mache sie hier gut, und dafür werde ich bezahlt,“ sagt er. Viele Angestellte in den Siedlungen sind Araber. Doch die wenigsten sprechen offen über ihre Arbeit. Ihre Landsleute werfen ihnen vor, die Besatzung zu unterstützen. Niaz bereut nichts. „Die Siedlungen sind schlecht. Aber nicht alle Siedler sind aggressiv und radikal. Mit vielen bin ich gut ausgekommen.“

Für Niaz war seine Arbeit kein politischer Akt. „Ich habe Geld gebraucht, um meine Familie zu ernähren. Ganz einfach. Es ist schwer, hier in Palästina Arbeit zu finden. Deswegen arbeiten viele in den Siedlungen. Die Bezahlung ist gut.“ In Rawabi verdient Niaz weniger. „Aber hier bekomme ich eine Krankenversicherung für meine gesamte Familie und muss morgens nicht mehr so lange fahren."

Er parkt sein Auto vor dem Eingang und läuft zu dem Platz vor den Bürocontainern. Schichtwechsel. Die Motoren der Lastwagen brummen. Männer mit dreckverklumpten Schuhen verlassen die Stadt, andere warten mit sauberen Stiefeln auf ihren Vorarbeiter.

Niaz winkt Osama und Ziad zu sich. Die drei steigen in einen Pick-up, Niaz fährt los. Er gibt mit lauter Stimme Anweisungen über seinen Funksprecher. „Ich teile die Leute zu und muss schauen, wer für welche Aufgabe am besten geeignet ist.“ Heute wollen sie das Fundament für die neue Moschee ausbaggern.

Er zündet sich eine Zigarette an und hält am Straßenrand. Mit der rechten Hand greift er in seine Jackentasche, während er den Rauch auspustet. Dann zieht er ein kleines, schwarzes Buch hervor. „Das hier lese ich, wenn ich ein paar Minuten Zeit habe.“ Texte aus dem Koran.

Als sein Funkgerät piepst, steckt er das Buch wieder ein. Zeit, bei seinen Arbeitern vorbeizuschauen. Er stoppt an der zukünftigen Moschee bei Osama, steigt aus und beobachtet ihn einige Minuten. Immer wieder schaut Niaz dabei auf die noch fensterlosen Häuser, die am Hang oberhalb des Baulochs Gestalt angenommen haben. „Ich werde im zweiten Haus von rechts eine Wohnung kaufen“, sagt er. 500 Dollar zahle er monatlich dafür ein. Vielleicht zieht er selbst ein, vielleicht seine Kinder. Es ist eine Investition.

Vielen im Westjordanland kommt die Stadt verdächtig vor: Wer kann sich eine Wohnung leisten? „Die Unterschicht und die Mittelschicht auf jeden Fall nicht“, sagt der Journalist Ghassan Bannoura. „Eine Wohnung hier kostet mehr als in Ramallah. Die Menschen, die dringend Wohnraum brauchen, aber nur wenig verdienen, können nicht nach Rawabi ziehen.“ Zwischen 58 000 und 110 000 Euro kostet eines von Masris Apartments.

„Wir bauen diese Stadt für Palästinenser, die heute im Westjordanland leben. Für niemanden sonst“, erklärt Masri. 8 500 Anfragen hat er schon. Auch einen Bürgermeister will Masri wählen lassen. „Wir haben kürzlich einen Antrag an die Palästinensische Autonomiebehörde gestellt, eine Stadtverwaltung zu errichten“, sagt er.

Beim Blick auf die Häuser für sein Volk glänzen Niaz’ Augen. Über sein Gesicht zieht ein stolzes Lächeln. „Endlich baue ich eine Siedlung für mein Volk“, sagt er. In allem im Westjordanland steckt immer auch ein Funke Politik.

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