Neue Kardinäle ernannt : Sklave von allen

Benedikt XVI. macht 24 Bischöfe zu Kardinälen – und ermahnt sie zu demütiger Amtsführung. Auch der Münchener Erzbischof Reinhard Marx ist dabei.

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Rote Elite. In den höchsten Rang nach dem Papst stieg am Samstag auch der Münchner Erzbischof Reinhard Marx (links) auf. Er darf jetzt die Kardinalsfarbe tragen.
Rote Elite. In den höchsten Rang nach dem Papst stieg am Samstag auch der Münchner Erzbischof Reinhard Marx (links) auf. Er darf...Foto: AFP

Es klappt nicht so recht: Auf ein (meist) wenig behaartes Haupt ein glattes Seidenkäppi zu platzieren, darüber ein seidenes Birett, das gelingt auch einem Papst nicht so gut. Die ehrwürdigen Textilien kommen schnell ins Rutschen. Und manchen der frisch ernannten Kardinäle gelingt es nur mit einem beherzten Griff, ihren neuen, scharlachroten Kopfputz festzuhalten. Mit einem ebenso feierlichen wie heiteren Gottesdienst hat Papst Benedikt XVI. am Samstag 24 Männer in den höchsten Rang befördert, den die katholische Kirche nach dem Papstamt zu vergeben hat. Und an diesem Sonntagmorgen geht es weiter. Dann bekommen die neuen Kardinäle nach der Urkunde und dem Kopfschmuck auch noch jenen goldenen Ring überreicht, der ihre sehr enge Bindung an den Papst besiegeln soll. Und das Rot ihrer Dienstkleidung – offiziell „Kardinalspurpur“ genannt – steht dafür, dass sie notfalls „bis zum Blutvergießen“ für die „Mehrung des christlichen Glaubens, den Frieden und die Ruhe des Gottesvolkes, sowie für die Freiheit und die Verbreitung der Heiligen Römischen Kirche“ eintreten sollen. So haben es die 24 dem Papst geschworen.

Der jüngste unter den Neuen ist mit 57 Jahren der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. Dass ihn 1500 bayerische Fans und die Sankt-Sebastians-Schützengilde aus seiner westfälischen Heimat Geseke nach Rom begleitet haben, das hört jeder im Petersdom an dem stadionähnlichen Applaus, der bei der Nennung von Marx’ Namen aufbrandet. Ihm selber läuft ein breites Grinsen übers Gesicht. Dann aber schießt ihm offenbar der Gedanke durch den Kopf, dass „man“ das an heiliger Stätte vielleicht nicht tut, und sofort wird er wieder ernst. Zur offiziellen Delegation, die Marx mitgebracht hat, zählen – natürlich, würde man in München sagen – Mitglieder der bayerischen Staatsregierung, voran Ministerpräsident Horst Seehofer, dazu Prinz und Prinzessin aus dem einstigen weiß-blauen Königshaus der Wittelsbacher.

Aufsehen erregen aber eher die nichtkatholischen Mitglieder der Marx’schen „Kardinalsfamilie“: die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, vor allem aber der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Protokollarisch gehört Schneider da nicht hin; zur ökumenisch korrekten Begleitung eines Münchner Kardinals hätte der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich gereicht. Aber Marx läuft sich ja bereits für den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz warm; der EKD-Präses an seiner Seite ist für solche höhere Weihen bereits ein Vorgeschmack.

Papst Benedikt wiederum hat für das Evangelium und für seine Predigt an die neuen Kardinäle eine eher mahnende Bibelstelle ausgesucht: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Sklave von allen“, zitiert er Jesus, und er verlangt, was die „Ausübung von Autorität“ betrifft, einen „Abschied von der weltlichen Mentalität“, die Bereitschaft, „sich hinabzubeugen und anderen die Füße zu waschen“.

Kirchenpolitisch sagt Benedikt in seiner Predigt wie üblich nichts. Auch gibt die Zusammensetzung der neuen Kardinalsgruppe keinerlei Aufschluss über irgendeine Kursänderung, weder vorwärts noch rückwärts. Aktuelle Themen hat der Papst dem Geheimen Konsistorium überlassen – jener Tagung des kirchlichen „Senats“, die sich bereits am Freitag hinter den Mauern des Vatikans abgespielt hat. Von den 203 alten und neuen Kardinälen waren 150 anwesend. Sie diskutierten über ein gemeinsames Vorgehen in der Aufarbeitung und der künftigen Vermeidung von sexuellem Missbrauch durch Kleriker; insbesondere wurden sie informiert über ein Rundschreiben zum Thema, das die Glaubenskongregation an die katholischen Bischöfe weltweit schicken will.

Die Kardinäle diskutierten ferner über den Stand der Ökumene – wobei unter den wenigen Dingen, die der Vatikan aus dem Geheimen Konsistorium verlauten ließ, eine zweifelhafte Bekräftigung ist: Das Dokument „Dominus Iesus“, mit dem die Glaubenskongregation vor zehn Jahren den Kontakt zu evangelischen Kirchen störte – indem sie festhielt, diese seien „keine Kirchen im eigentlichen Sinne“, sondern nur „kirchliche Gemeinschaften“ –, bleibt „gegen allen falsch verstandenen Pluralismus ein gültiger Aufruf zur Klarheit in Lehre und Seelsorge“.

Von den 24 neuen Kardinälen sind 20 jünger als 80 Jahre; sie dürften also, wenn derzeit ein Konklave anstünde, den neuen Papst mitwählen. Zu denen älteren, die den Kardinalstitel als Ehrentitel für ihr Lebenswerk empfangen haben, zählt der langjährige Kirchenmusikdirektor am Petersdom, der 93-jährige Domenico Bartolucci, sowie der frühere Chefhistoriker des Vatikans, der 81-jährige Walter Brandmüller. In den Kardinalsrang befördert wurde auch der Schweizer Kurt Koch, der als Nachfolger des deutschen Kardinals Walter Kasper für das Gespräch mit den anderen christlichen Konfessionen und mit dem Judentum zuständig ist. Protokollarisch käme Kochs „Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen“ auch ohne Kardinal an der Spitze aus; die Beförderung soll aber zeigen, wie wichtig dem Papst die Ökumene und das Verhältnis zu den Juden ist.

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