Politik : Neue Kern-Energie

Der erste Fusionsreaktor wird in Südfrankreich gebaut. Japan lässt sich das teuer bezahlen

Dagmar Dehmer,Paul Janositz

Moskau/Berlin - Fast zwei Jahre haben Frankreich und Japan um den Standort gestritten. Am Dienstag einigten sich die beiden Staaten in Moskau mit der Europäischen Union, Russland, den USA und Südkorea darauf, den ersten Versuchsreaktor für die Atomfusion im südfranzösischen Cadarache zu bauen. Der International Thermonuclear Experimental Reactor (Iter – das bedeutet lateinisch „der Weg“) soll zehn Milliarden Euro kosten.

Die Kernfusion, wie sie in der Sonne abläuft, liefert Energie durch die Verschmelzung von Wasserstoffatomen. In Fusionsreaktoren vereinigen sich die Wasserstoffarten Deuterium und das radioaktive Tritium in einem 100 bis 200 Millionen Grad heißen Plasma zu Helium. Aus einem Gramm dieses Brennstoffs können 90000 Kilowattstunden Energie frei werden, das entspricht der Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle.

Jahrelang hatten sich Frankreich und Japan im Streit um den Standort blockiert. Während die EU, Russland und China sich für Frankreich aussprachen, unterstützten die USA und Südkorea den Irakkriegspartner Japan. Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der die Entscheidung als „großen Erfolg für Frankreich, für Europa“ feierte, hatte gehofft, den Zuschlag noch vor dem Referendum über die EU-Verfassung zu bekommen und hatte Japan mit entsprechenden Äußerungen ordentlich verärgert. Andererseits erhofft sich Japan von seinem Nachgeben auch französische Unterstützung beim Bemühen um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Japan lässt sich die Zustimmung zu Cadarache teuer bezahlen: Die EU trägt mit 40 Prozent zur Finanzierung bei, Frankreich und Japan tragen zehn Prozent, alle weiteren Partner die restlichen 40 Prozent. Japan bekommt zehn Prozent aller Aufträge für den Bau des Reaktors. Außerdem bezahlt die EU weitere Forschungsprojekte rund um den Fusionsreaktor in Japan im Wert von etwa acht Prozent der Bausumme, und Japan wird nicht nur den Generaldirektor von Iter, sondern auch mehr Personal stellen, als dem Land nach seinem Finanzierungsanteil zustünde.

Der Charme der Fusion besteht darin, dass die Rohstoffe praktisch unerschöpflich vorhanden sind. Deuterium wird aus Wasser, Tritium aus Lithium gewonnen. Das bietet eine Option für die Energieversorgung, nachdem die fossilen Rohstoffe verbraucht sind. Das Hauptproblem war es bisher, das Fusionsfeuer überhaupt am Brennen zu halten; der Reaktor verbrauchte mehr Energie, als er erzeugte. Im Gegensatz zur Atomspaltung gilt ein Fusionsreaktor als sicher, er kann nicht durchgehen. Die Wände des Plasmagefäßes werden zwar zu radioaktivem Abfall, doch klingt dessen Aktivität nach den Worten von Isabella Milch, Fusionsexpertin am Garchinger Max-Planck-Institut (MPI) für Plasmaphysik, relativ schnell ab. Nach 100 Jahren sei noch ein Zehntausendstel des Anfangswertes vorhanden.

Hauptsächlich soll Iter nachweisen, dass das Fusionsfeuer dauerhaft brennen kann. Für Planung, Bau- und Betriebszeit sind etwa dreißig Jahre veranschlagt. Wenn der Nachweis gelingt, dürfte ein Demonstrationskraftwerk – voraussichtlich in Japan – folgen. Nach weiteren zwanzig bis dreißig Jahren, schätzt MPI-Expertin Milch, müsste sich zeigen, ob die Fusionstechnik zum wirtschaftlichen Betrieb geeignet ist. Bis dahin dürften die Öl- und Gasfelder erschöpft sein. Ob dann die Fusionstechnik mit anderen Energien konkurrieren kann, ist offen. Sinnvoll fände Milch eine Kombination aus Fusionstechnik und erneuerbaren Energien.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben