Neuer Botschafter : Ein Amerikaner für Berlin

Der Gesandte John Koenig verabschiedet sich aus Deutschland. Die Nominierung des neuen Botschafters Philip Murphy steht bevor.

Elisabeth Binder

Die Nominierung von Philip Murphy als neuer US-Botschafter in Berlin steht offenbar unmittelbar bevor. Zwar will sich das Auswärtige Amt of

Murphy

fiziell zum laufenden Verfahren nicht äußern, nach Tagesspiegel-Informationen liegt das Agrément, die Zustimmung der Deutschen zu dem früheren Goldman Sachs Banker und Finanzchef der Demokraten, bereits vor.

Für den derzeitigen Chargé d’Affaires, John Koenig, der seit Dezember die Geschäfte in der US-Botschaft führt, war der Empfang zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am Freitagabend in der American Academy am Wannsee die letzte große Amtshandlung. Bereits in der kommenden Woche verlässt er Berlin. Die Geschäfte übernimmt dann zunächst der derzeitige Gesandte für Wirtschaft Robert A. Pollard. In der Funktion als Chargé d’Affaires soll er aber schon Ende des Monats abgelöst werden von Bob Bradtke, der aus dem Außenministerium in Washington nach Berlin versetzt wird. Zwar sagte Koenig, ein neuer Botschafter werde bald kommen, manche Insider glauben aber, dass er vor September sein Amt kaum antreten kann.

In den letzten Monaten gab es immer wieder Spekulationen, warum es so lange dauert, bis ein neuer Botschafter kommt. Auch der mächtigste Mann der Welt hat Grenzen. Er kann nicht einfach einen guten Freund ins Flugzeug setzen. Zunächst kann er nur sagen, wer gut wäre für den Posten. Dann wird der Kandidat einem strengen Checking unterzogen, das über die Jahre immer gründlicher wurde. Bei einem Banker dürfte das in diesen Zeiten besonders zeitaufwändig sein. Hat er eine absolut reine Weste in Finanzsachen? Nie bei den Steuern geschummelt? Keinen illegalen mexikanischen Gärtner mal zum Heckenschneiden angeheuert? Erst wenn diese Hürde genommen ist, wird im Zielland vorgefühlt, ob der Kandidat dort akzeptiert wird. Liegt das sogenannte Agrément dann vor, wird der Name des beabsichtigten Kandidaten offiziell bekannt gegeben, und das Weiße Haus gibt seine Unterlagen zum Senat. Dort gibt es dann den sogenannten Confirmation Process, den Bestätigungsprozess. Es gibt einen Ausschuss für Auswärtige Beziehungen, der alles genau prüft, und natürlich muss sich auch hier der Kandidat eingehend befragen lassen.

Das alles dauert seine Zeit, hat aber natürlich auch den Vorteil, dass selbst ein Kandidat, der vom Präsidenten direkt nominiert wird, sich einer transparenten Qualitätskontrolle unterziehen muss. Wobei Freunde und Förderer von Präsidenten in der Regel so ausgereifte Persönlichkeiten sind, dass sie ihr Land gut repräsentieren können. Die Freiheit, nicht allzu viele Rücksichten aufs eigene Fortkommen nehmen zu müssen, kann der Kreativität durchaus zuträglich sein. Bei William Timken äußerte sich das zum Beispiel in dem sehr erfolgreichen Engagement für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Politische Botschafter sind allerdings in der Minderzahl. Das liegt nahe. In die Botschaft am Pariser Platz einzuziehen, mitten in Europa, in einer Stadt, die als aufregend und kreativ gilt, das würde jeder US-Präsident einem guten Freund gönnen. Wenn es hingegen an die Besetzung mancher afrikanischer Botschaften geht, wird er lieber auf das Reservoir der Karrierediplomaten zurückgreifen.

Dass mit der Entsendung eines neuen Botschafters in der US-Botschaft am Pariser Platz alles umgekrempelt wird, ist nicht zu erwarten, jedenfalls nicht, was das Personal betrifft. Ein ungeschriebenes Gesetz sieht vor, dass der Botschafter einen neuen Stellverteter, also einen neuen „Deputy Chief of Mission“ bekommen kann, wenn mit dem aktuellen die Chemie nicht stimmt. In diesem Fall war der Wechsel des Deputys aber ohnehin turnusgemäß vorgesehen, denn John Koenigs drei Jahre waren abgelaufen.

Für Kontinuität sorgen die sogenannten Ortskräfte, die deutschen Mitarbeiter, die der Botschaft über viele Jahre erhalten bleiben und etwa 60 Prozent des gesamten Personals ausmachen.

Das US-Personal der Botschaft repräsentiert die amerikanische Gesellschaft, es gibt sowohl Mitarbeiter, die den Republikanern nahestehen, als auch welche, die den Demokraten nahestehen, als auch welche, die sich zum Beispiel aus diplomatischen Gründen nicht festlegen.

Und natürlich gibt es auch verschiedene Typen von Botschaftern. Zum einen sind da die Karrierediplomaten, wie der frühere US-Botschafter John Kornblum. Dann gibt es diplomatische Talente, wie den früheren Botschafter Richard Holbrooke, der außenpolitisch vielfältig vernetzt ist, zwischendurch aber immer wieder mal ins Bankgeschäft gewechselt war, und Berlin bei allem, was er macht, durch sein Engagement für die American Academy treu bleibt. Persönlichkeiten, die dem Präsidenten aus verschiedenen Gründen nahestehen, nennt man politische Botschafter. Zu diesem Typus zählte Dan Coats, der in Bushs erster Amtszeit mal als möglicher Verteidigungsminister gehandelt wurde. Innerhalb dieser Gruppe gibt es, wie etwa Philip Murphy, auch die Fundraiser, die mit Spenden und Spendensammeln den Präsidenten unterstützt haben. Auch der letzte Botschafter, William Timken, der ein erfolgreicher Unternehmer war, gehörte in diese Gruppe. Der hat immer wieder deutlich gemacht, welche Vorteile es hat, wenn man als Botschafter nicht dauernd Rücksicht nehmen und Amtswege gehen muss, sondern im Zweifel auch mal einfach rasch zum Hörer greifen und den Präsidenten direkt anrufen kann. Das ist auch für Deutschland gut, weil viele Komplikationen vermieden oder auf kürzestem Weg behoben werden können.

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