Neuer Staat : Südsudans Weg in die Unabhängigkeit

193 Länder hat die Erde. An diesem Samstag wird ein neues dazukommen: der Südsudan. Es ist die Geburt einer Nation aus dem Nichts, aus einer Vision und aus dem Müll.

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Chorprobe. Vorbereitungen für die Gründungsfeier am Samstag. Dann wird auch die südsudanesische Nationalhymne gesungen. Sie ist die kürzeste der Welt.
Chorprobe. Vorbereitungen für die Gründungsfeier am Samstag. Dann wird auch die südsudanesische Nationalhymne gesungen. Sie ist...Foto: REUTERS

Tagsüber hüllt roter Staub die Stadt Juba in ein Licht, das vage ist – als wäre es selbst nicht sicher, was es hier beleuchtet. Ein afrikanisches Hüttendorf? Ein gerade gelandetes Ufo?

Halb fertige Hightech-Ministerien, die Heerscharen der Hilfsorganisationen – sie alle umarmt der rote Staub, aufgewirbelt von klimatisierten Regierungsfahrzeugen und offenen Pritschenwagen voller Soldaten, von der weißen Toyota-Flotte der UN und den Fernlastern aus Kenia und Uganda, die den Südsudan mit all jenen Gütern versorgen, die das kriegswunde Land selbst nicht herzustellen vermag.

Von Samstag an, dem 9. Juli 2011, ist Juba die Hauptstadt des freien Südsudan, des jüngsten Staates der Erde, gelegen im toten Winkel Ostafrikas zwischen Äthiopien und Kongo, Heimat von rund sechs Millionen Einwohnern. Ein zersplittertes Land, die größten seiner rivalisierenden Stämme sind die Dinka, die Nuer, die Schilluk. Ein Land, schwarz und christlich, dessen jahrzehntelanger Krieg mit dem arabisch-islamischen Norden 2005 mit einem Friedensabkommen endete, das seither oft blutig gebrochen wurde.

„Wir bauen eine Nation aus dem Nichts, aus Müll“, sagt Angong Dhol, eine junge Südsudanesin, die in Potsdam studiert und daran denkt, bald endgültig aus dem langen Exil heimzukehren. Wir treffen sie im Notos, einer Bar unter Bäumen, die allabendlich zum internationalen Helfer-Kasino wird. „Der beste Ort in Juba“, versichert uns eine junge UN-Dame vom Nebentisch. „Besser wird’s nicht. So europäisch hier.“

Die UN – fragt man die Leute danach, ist die Antwort ungefähr diese: Wo sie Brunnen bohren, helfen, konkret etwas tun, sind all die Helfer willkommen. Wo sie sich mit sich selbst beschäftigen in ihren vielen klimatisierten Compounds und Toyotas und dabei gut verdienen – nun ja.

Wir besuchen den neuesten UN-Compound außerhalb Jubas. Die Unmis, die Friedenstruppe der UN, zieht dort ein, nachdem der Norden sie vor die Tür gesetzt hat. Jürgen Maresch kennt Afrika seit langem, er ist der Chef des Technischen Hilfswerks vor Ort. Er führt uns über die riesige Baustelle. Rund 250 Häuser für 400 bis 500 UN-Leute entstehen, dazu ein Krankenhaus, ein Generatorenhaus, Bürohäuser, ein Hubschrauberlandeplatz, Brunnen, eine Telekommunikationsstation. Der Stab der Unmis wird hier sitzen, die Truppe selbst ist draußen im Land stationiert. „Irgendwann werden wir das alles den Südsudanesen übergeben“, sagt Maresch. Wann das sein wird, kann er nicht voraussagen. Die UN-Präsenz hier ist eine langfristige.

Am anderen Tag sind wir bei Clara Aker Benjamin eingeladen, ins Haus ihrer Familie. Ein zweistöckiger Bau, ummauert, Autos im Hof, Köchin, Personal. Drinnen eine Halle mit Sitzgruppen, an den Wänden Fotos ihres Vaters, er ist Informationsminister der südsudanesischen Regierung, in der Vitrine Gastgeschenke aus China und anderswoher. Es ist eines der wenigen älteren Häuser von Juba. Älter heißt: älter als ein paar Wochen. „Die Jugoslawen haben es gebaut, nach dem Ende des ersten Bürgerkrieges 1982. Zuerst, von 2005 an, lebten und arbeiteten alle in Zelten, die Minister, die ganze provisorische Regierung.

Clara Benjamin wurde in Juba geboren, aber sie lebt seit langem in London und hat nur verschwommene Erinnerungen an Besuche hier. „Als Kind liebt man es, im Schlamm zu spielen. Viel mehr weiß ich nicht mehr.“ Eine andere Erinnerung: In ihrem Wohnzimmer im Londoner Exil sitzen ihr Vater und ihre Onkel über Landkarten des Südsudan und planen und reden. Das war in den 80er Jahren, als die SPLA, die Sudanesische Volksbefreiungsarmee, gegründet wurde. Jetzt, gut 20 Jahre später, steht sie nur mehr Millimeter davor, ihren kühnsten, unwahrscheinlichsten Traum wahrzumachen, einen souveränen Staat des Südens. Der Norden willigte 2005 nach fast 50 Jahren Krieg mit zwei Millionen Toten und Millionen Vertriebenen ein, den Süden aus dem Gesamtstaat Sudan zu entlassen. Im Januar 2011 dann stimmten bei einem Referendum die Südsudanesen mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit. Clara war früher weit weg von all dem. Sie wurde Model und arbeitete mit der Weltelite der Fotografen. David LaChapelle, Peter Lindbergh, Annie Leibovitz. „Auch John Garangs Tochter war Model. Kann sein, dass Frauen wie wir heimkehren und Abgeordnete werden, Botschafterinnen unseres Landes in der Welt.“

John Garang war der Gründer der SPLA, er starb kurz nach dem Friedensabkommen mit dem Norden im Jahr 2005. Auch Claras Vater ist ein angesehener Mann der Befreiungsbewegung. Im Ausland organisierte er deren Versorgung und internationale Kontakte.

Es ist eine im Kampf, teils auch familiär verwachsene Gruppe, die das Land führt. „Mein Onkel“, sagt Clara, „ist Riek Machar, der Vizepräsident, und unser Nachbar dort hinter der Gartenmauer ist Salva Kiir, der Präsident.“ Sie sei hier, um ihre Kontakte in England und den USA für ihr Land zu nutzen. „Die UN, die ganze internationale Hilfe, das ist fantastisch, aber wir brauchen private Investoren, wenn wir auf eigene Beine kommen wollen. Dabei kann ich helfen.“ Sie liebe ihr Leben in London. „Aber Leute wie wir, gut ausgebildet im Exil, sehen einfach die Potenziale hier klarer, wir sind eine neue Generation, wir wissen, wie die politischen Systeme in Europa und den USA funktionieren, und wir haben die Kontakte dorthin.“

Und der labile, aus vielen Wunden blutende Frieden, wird er auch nach dem 9. Juli halten? „Der Norden“, sagt sie, „ist wie ein geschiedener Mann. Er hat seine Frau so lange missbraucht, bis sie sagt: Ich gehe. Der Mann tobt. Er will sie nicht gehen lassen. Er tobt 50 Jahre lang. Aber die Frau hat Freunde und Familie und gute Anwälte. Und schließlich muss er es kapieren, er muss sie gehen lassen. Nein, wir haben die internationale Gemeinschaft auf unserer Seite. Wollen wir das gefährden? Nein. Wir sind müde vom Krieg.“

An manchen Abenden kann der rote Staub Juba verzaubern. Wenn er, sonnendurchglüht, die Stadt, die Hauptstadt sein will und zugleich ein Hüttendorf ist, in seine Aura nimmt und alles verklärt. Die breite Piste, die Laster, die Gestalten, die aus dem Staub auftauchen, das nackte Kind im Arm seiner Mutter, das Leben in Dreck und Not.

Der morgige Samstag ist der Tag, auf den das Land hinfiebert – eine Gnade der Geschichte, ersehnt seit Generationen. Arabische Sklavenfänger des Nordens zogen jahrhundertelang in die Jagdgründe des Südens. Noch während des letzten Bürgerkrieges wurde menschliche Beute gemacht. Viele schwarze Mädchen verschwanden im Norden. Nicht viel ist von diesen Dingen in die Welt gedrungen, aber ein wenig doch. Es gibt erschütternde Berichte. Einer der lost boys – Tausende südsudanesischer Jungen, verwaist oder von verzweifelten Eltern fortgeschickt, nur fort aus dem Kriegsgrauen – hat ein Buch über sein Schicksal geschrieben. Viele Kinder kamen auf diesen Märschen um, wurden erschossen, starben vor Hunger und Durst, manche wurden von Löwen gefressen. Aus solchen Albträumen taumelt das Land in den Frieden und, wer weiß, in eine helle Zukunft.

Die Zutaten dafür liegen unter der Erde: Erdöl und Grundwasser in Mengen, Edelmetalle. Alles andere fehlt. Wer wird hier jetzt reich? Das fragen wir eine Kenianerin, die geschäftlich in Juba ist. Ihre Antwort platzt heraus: „Alle! Alle Südsudanesen. Wo alles fehlt, ist alles ein Geschäft.“

Was den Südsudanesen vor allem fehlt, ist Bildung. Während des jahrzehntelangen Krieges existierte ein reguläres Schulwesen nicht. Man könnte so fortfahren und eine lange Liste dessen aufschreiben, was dem jüngsten Staat der Welt fehlt; eigentlich alles außer Ressourcen. Nicht einmal die T-Shirts zur Unabhängigkeit werden hier bedruckt, sie kommen aus Kenia.

Die ungeteerten, staubigen Pisten sind erfüllt von optimistischem Lärm. Hämmern, Sägen, Schweißen, Motorengedröhn, darüber Afro-Hip-Hop. Juba baut. Juba wächst. Es wächst aus seiner staubigen Vorzeit heraus. Die Lehmhüttenlandschaft am Nil überragen immer mehr Häuser, richtige aus Beton. Geschäftsbauten. Hotels. Restaurants. Ministerien. Botschaften. Hier und da sieht man geräumte Hüttenareale, das Neue braucht Platz – der EU-Compound, in dem Deutschland seine Botschaft plant, die US-Botschaft, das Ministerienviertel, das Parlament, der Präsidentenpalast.

Besuche bei der neuen Regierung sind besonders interessant. Stunden, ja halbe Tage vergehen damit, in Ministerien vorstellig zu werden. Man muss sich die Abfolge der Vorzimmer eines südsudanesischen Ministeriums vorstellen wie eine türkische Sauna, nur andersherum: In jener wandelt man von Raum zu Raum, und jeder ist heißer als der vorige. Hier ist jedes Vorzimmer kühler. Das erste ist gar kein Zimmer, sondern eine Wache in der Hitze draußen. Das zweite eine überdachte, schattige Terrasse. Das dritte ein ventilatorgekühlter Raum. Das vierte hat Ventilatoren und Aircondition. Endlich das Büro des Ministers selbst – ein Eisschrank. Und alle Vorzimmer sind bevölkert von Sekretärinnen, Büroleitern, Uniformierten und Personen, deren Funktion undeutlich bleibt. Man könne noch froh sein, scherzt Johnny Saverio Ayik, wenn es sich bei diesen Vorzimmerbelegschaften bloß um Stammesangehörige handele und nicht gleich um Mitglieder der Familie des Ministers. Ein Scherz, der gar nicht witzig gemeint ist.

Ayik ist Vizechef der Antikorruptionsbehörde des Südsudan und ehrlich genug zu sagen, deren Existenz habe durchaus mit dem Druck der Geberländer zu tun. „Es gibt solche Behörden jetzt in vielen afrikanischen Staaten.“ Seine Aufgabe nimmt der in London studierte Jurist allem Anschein nach aber sehr ernst. Es sei ein Fortschritt, dass die Staatsgehälter per Bank ausgezahlt würden und nicht mehr in bar. Aber immer noch gebe es viele „Geisternamen“, unter denen sich Regierungsangestellte doppelt und dreifach bezahlen ließen.

Am letzten Abend ist ein Tisch im Paradise reserviert, einem der Treffs der neuen schwarzen Elite und ihrer weißen Berater, Aufbauhelfer, Geschäftspartner. Eine sanfte Brise weht von den Ventilatoren her, die Speisen sind chinesisch, die Getränke kühl. Es ist der Tisch des Ministers. Wir haben Barnaba Marial Benjamin, Claras Vater, schon in seinem viel belagerten Büro besucht, hier wollen wir in Ruhe reden.

Schon bald fällt ein Satz, der an das Bild von der Nation aus dem Müll erinnert, das Angong, die Potsdamer Studentin, über ihr Heimatland fand. „Vor sechs Jahren war hier Ground Zero.“ Damals kam Benjamin aus dem Exil zurück, die SPLA machte sich an den Aufbau des ersehnten Südstaates und bildete jene provisorische Regierung, deren Ära nun in wenigen Tagen endet.

Viele im Paradise begrüßen ihn, umarmen ihn, er geht von Tisch zu Tisch. „Wir haben jetzt eine Nationalhymne“, sagt er, als er sich setzt. „Wir haben uns die Hymnen anderer Staaten angeschaut, die englische, die amerikanische, auch die deutsche. Dann haben wir hier einen Wettbewerb ausgeschrieben – wir haben die kürzeste genommen. Vermutlich die kürzeste der Welt.“

„Die Tiere kommen wieder“, sagt der Minister in die Gesprächspause hinein. Die Tiere? „Ja, Antilopen, Zebras, Elefanten, Giraffen. Sie waren vor dem Krieg geflohen, in entlegene Sümpfe oder über die Grenze nach Äthiopien, nach Kenia. Jetzt kehren die Herden in den Südsudan zurück – die größte Wildtiermigration der Welt. Wussten Sie, dass wir riesige Wildbestände haben? Wie in der Serengeti, wie in Botswana.“

Das Wunder der Geburt dieses Staates, so reich ausgestattet mit Erdöl, Grundwasser, edlen Metallen und paradiesischer Wildnis – es ist zugleich sein Fluch. Wenn fast alle Reichtümer des Sudans im Süden liegen, dann bleibt dem Nordsudan, Nil plus Wüste zu sein. Er hat die Trennung akzeptiert. Aber es sieht nicht so aus, als schicke er sich darein.

Der Artikel ist ursprünglich erschienen im Zeitmagazin

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