Politik : Neuer Zeuge könnte SS-Chef von Genua schwer belasten

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Hamburg. Im bisher schleppend verlaufenden Prozess gegen den ehemaligen SS-Chef von Genua, Friedrich Engel (93), könnte es in dieser Woche zu einer Wende kommen. Die Große Strafkammer des Hamburger Landgerichts hat für den 14. Juni einen ehemaligen Oberbootsmaat der 23. U-Boot-Jagdflottille eingeladen, der schwere Vorwürfe gegen den Angeklagten erhebt.

Engel ist wegen Mordes angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, für die Erschießung von 59 italienischen Geiseln im Mai 1944 am Turchino-Pass in der Nähe von Genua verantwortlich zu sein. Die Geiseln, Häftlinge aus einer der SS unterstehenden Abteilung des Genuaer Marassi-Gefängnisses, wurden als Vergeltung für einen Anschlag italienischer Partisanen auf ein deutsches Soldatenkino in Genua, bei dem fünf Marineangehörige ums Leben gekommen waren, hingerichtet.

Engel hat vor Gericht ausgesagt, nicht er, sondern die Marine sei für die Hinrichtungen verantwortlich gewesen. Er habe lediglich die Geiseln ausgewählt. Bei der Hinrichtung habe er abseits gestanden. Die bisherigen Zeugen, ähnlich betagt wie der Angeklagte, hatten bisher wenig zur Aufklärung der Vorwürfe beigetragen. Ein stellvertretender Flottillenchef etwa, aus dessen Bereich Soldaten zu der Erschießung abkommandiert waren, sagte, er habe von den Ereignissen nichts gewusst. Ein anderer Zeuge, der an den Erschießungen konnte sich nicht mehr an konkrete Einzelheiten erinnern. Ein italienischer Historiker machte nur allgemeine Angaben über die Verantwortung des Sicherheitsdienstes bei Repressalien.

Der neue Zeuge berichtete dagegen gegenüber dem „Darmstädter Echo“, er und Angehörige seiner Flottille seien damals an den Turchino-Pass beordert worden und hätten der Hinrichtung beiwohnen müssen. Die Teilnahme an dem Erschießungskommando sei „freiwillig“ gewesen. Es seien nicht nur Marinesoldaten an der Hinrichtung beteiligt gewesen, sondern auch Angehörige anderer Waffengattungen.

Engel habe nicht abseits gestanden, sondern unmittelbar an der zuvor ausgehobenen Grube „eine respektable Erscheinung, Pistole in der Hand und guckte sich das Gemetzel an“. Er sei „ein eiskalter Hund“ gewesen und habe mindestens eine noch nicht tödlich getroffene Geisel, die bereits in der Grube lag, selbst erschossen. Entgegen der Aussagen der bisherigen Zeugen ist nach Angaben dieses ehemaligen Marinesoldaten auch nach dem Krieg auf Kameradschaftstreffen über Engel gesprochen worden. Das Gericht hatte von dem Zeitungsbericht erfahren und den Zeugen für diesen Freitag geladen. Karsten Plog

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