• Neues Buch zu Stuttgart 21: Schriftsteller Schorlau: "Ich habe schreckliche Bilder gesehen"
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Neues Buch zu Stuttgart 21 : Schriftsteller Schorlau: "Ich habe schreckliche Bilder gesehen"
Wolfgang Schorlau

In diesem Buch werden die unterschiedlichen Aspekte von Stuttgart 21 kritisch gewürdigt. Die Autoren untersuchen das Projekt unter bahntechnischen, ökologischen, finanziellen, denkmalschützerischen, stadtplanerischen und architektonischen Gesichtspunkten. Spätestens seit dem Polizeieinsatz am 30. September 2010 wer den im Zusammenhang mit Stuttgart 21 aber auch ganz grundlegende Fragen der Weiterentwicklung und des Ausbaus des demokratischen Systems diskutiert. Deshalb ist dieses Buch in die beiden Kapitel: Der Bahnhof und Die Demokratie unterteilt. Ziel dieses Buch ist es, die Argumente gegen Stuttgart 21 zu bündeln und geschlossen vorzutragen. Es finden sich daher Beiträge, die bereits an anderen Orten veröffentlicht wurden, und Aufsätze, die speziell für dieses Buch geschrieben wurden. Nahezu alle angesprochenen Autoren haben sich trotz des enormen Zeitdrucks spontan bereit erklärt, an diesem Buch mit zu wirken. Ich danke ihnen allen sehr herzlich. Ich bedanke mich bei den Fotografen von der Initiative Gegenlicht 21 so wie bei Andreas Menke und Nils Schacht, die die Fotografien zu diesem Band beigesteuert haben. Ich bedanke mich besonders bei meinem Lektor Lutz Dursthoff, der die Beiträge in Rekordzeit druckfertig machte. In seiner letzten Mail schrieb er: »Uff , jetzt bin ich auch ein Stuttgarter.« Lieber Lutz, willkommen in einer schönen und aufregenden Stadt.

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Den Gegnern von Stuttgart 21 wird immer wie der vorgeworfen, dass sie viel zu spät auf die Straße gegangen seien. Sie hätten frühere Gelegenheiten zur Mitwirkung, wie zum Beispiel das Planungsfeststellungsverfahren, verstreichen lassen, und erst jetzt, da alle Verträge geschlossen seien, würden sie demonstrieren. Andreas Zielcke ist in dem meisterhaften Artikel »Geistige Kessellage. ›Der große Wurf‹ und das kleine Zeitfenster: Warum Stuttgart 21 an einem unheilbaren Mangel leidet. Ein überfälliger Rückblick« dieser Frage nachgegangen. Er weist nach, dass die Stuttgarter Bürger nie eine reale Chance der Mitwirkung hatten. Mehr noch: Ihre Mitwirkung war nicht erwünscht, die Bürger wurden systematisch daran gehindert, mitzuwirken.

Dass der Protest sich erst so spät öffentlich formiert hat, liegt auch in der Verantwortung der beiden Stuttgarter Zeitungen. Sie wurden durch eine Verlagsrichtlinie jahrelang gezwungen, ausschließlich positiv über das umstrittene Megaprojekt zu berichten. Erst als der Protest unüberhörbar wurde, öffnete sich die Stuttgarter Zeitung zögernd dem Protest, während die Stuttgarter Nachrichten ihren Stil des Verlautbarungsjournalismus

beibehielt – bis auf eine Ausnahme: Joe Bauer, der bedeutendste Kolumnist der Stadt, blieb dem kritischen Journalismus treu. Ich freue mich daher besonders, dass er den Artikel »Die Station« zu diesem Buch beigesteuert hat.

Wie schwer es war, unter solchen Umständen den Protest in den Anfängen zu organisieren und sich gegen die veröffentlichte Meinung durchzusetzen, er zählt Gangolf Stocker im Interview. In dem ersten Teil des Buches wird Stuttgart 21 unter unterschiedlichen Aspekten untersucht. Boris Palmer schrieb für dieses Buch den Aufsatz »Wahlkampf gegen das Volk. Wie der Aufstand gegen Stuttgart 21 provoziert wurde«.Außerdem drucken wir die Schautafeln, auf denen er bei seiner Rede auf der ersten Schlichtungssitzung unter Vorsitz von Dr. Heiner Geißler die Argumente der Gegner zusammenfasste.

Dr. Martin Vieregg vom Büro VIEREGG-RÖSSLER in München untersucht die Kosten von Stuttgart 21 und der geplanten Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm. Er stellt zum Schluss die entscheidende Frage: Es ist zu hinterfragen, ob sich unsere Gesellschaft im Fernverkehr zwischen Stuttgart und Ulm und so mit »über Land« eine Art U-Bahn leisten will und kann, die voraussichtlich nur von ein bis drei Zügen pro Stunde und Richtung befahren wird.

Stuttgart muss zukunftsfähig bleiben, sagen die Befürworter des Bahnprojektes. Wie falsch es ist, Zukunft und Stuttgart 21 gleichzusetzen, beschreibt Dr. Karlheinz Rößler in dem Aufsatz »Stuttgart 21: ein Projekt der Vergangenheit und der Ignoranz – zum Schaden der Eisenbahn und ihrer Fahrgäste«. Wie ein modernisierter Kopfbahnhof vernünftigerweise aussehen könnte, untersucht Prof. Karl-Dieter Bodack. Klaus Gebhard,

Mitbegründer der »Parkschützer«, ist mit zwei Beiträgen vertreten: Er beschreibt die negativen Folgen des Projektes für den Nahverkehr und damit für die Orte in der Region Stuttgart, und er gibt einen Rück blick auf eine ganz ähnliche Diskussion beim Bau des jetzigen Bahnhofs. Walter Sittler hat wie kein anderer der Bewegung gegen Stuttgart 21 ein Gesicht gegeben – unerschrocken, unermüdlich und vielen Anfeindungen ausgesetzt. Wir veröffentlichen die erweiterte Fassung seiner Rede, die er am 10. Juli 2010 im Stuttgarter Schlossgarten gehalten hat.

Nils Büttner und Dietrich Heißenbüttel beschreiben, wie der Denkmalschutz (nicht nur) bei Stuttgart 21 mit Füßen getreten wurde. Der Architekt Tobias Wallisser vermisst bei Stuttgart 21 städtebauliche Qualität und beklagt die Helikopterperspektive der Planer. Martin Nebel rechnet uns allen die fatalen Folgen der geplanten Abholzung im Stadtpark vor. Joachim Nitsch fragt, wie umweltverträglich Stuttgart 21 wirklich ist, Klaus Arnoldi legt dar, dass Stuttgart 21 kein Bahnhofs-, sondern ein städtebauliches Projekt ist, und Gert Marte macht die Kosten-Nutzen-Rechnung des Projektes auf. Der Verkehrsplaner Heiner Monheim plädiert für eine »Notbremsung« bei Stuttgart 21. Winfried Hermann rechnet vor dem Hintergrund seiner großen verkehrspolitischen Erfahrung mit einer »verfehlten Bahnpolitik« ab. Diesen Eindruck bestätigt auch ein leitender Planungsingenieur bei Stuttgart 21, dessen Name geändert wurde. Der vielbeachtete Artikel von Arno Luik im stern, »Stuttgart 21: Die geheimen Akten«, beendet den ersten Abschnitt dieses Buches.

Den zweiten Teil des Buches eröffnen wir mit der Presseerklärung der Stuttgarter Eltern, deren Kinder bei dem Polizeieinsatz am schwarzen Donnerstag verletzt wurden: »Eltern klagen an und weisen die Vorwürfe gegen sie und ihre Kinder zurück«. Guntrun Müller-Enßlin berichtet in einem mitreißenden Beitrag, wie (unnötig) schwer es sich die Kirche mit dem Bürgerprotest macht. Winfried Kretschmann stellt fest: »Durch den Stuttgart-21-Protest erkennen die Bürgerinnen und Bürger Folgendes: Die Straßen für die Lobbys und starken Interessengruppen in die Politik werden immer breiter (…), während die Zivilgesellschaft nicht mal Trampelpfade in die politischen Institutionen begehen kann. Diese Wege einer aufgeklärten, kritischen und aufmüpfigen Zivilgesellschaft in die Institutionen müssen wir bahnen.«

Werner Wölfle schreibt: »Die Demokratie ist nicht zu Ende, wenn Stuttgart 21 nicht kommt. Sie wird sich nur verändert haben.« Stephan Braun, Landtagsabgeordneter der SPD, vermittelt in seinem Beitrag, warum die SPD sich so schwer mit Stuttgart 21 tut. Susanne Eisenmann, S21-Befürworterin, Stuttgarter Kulturbürgermeisterin und CDU-Mitglied, zeigt, dass es auch innerhalb der CDU nachdenkliche Stimmen der Vernunft gibt.

Hannelore Schlaffer beschreibt in ihrem Beitrag, warum Stuttgart fälschlicherweise immer wieder mit Provinzialismus gleichgesetzt wird. Sie beschreibt auch den verzweifelten Versuch der hiesigen »Eliten«, diesen Ruf abzustreifen. »Von nun an sollten deshalb Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele zeigen, dass Stuttgart die Welt zu sich einladen kann. Eine Einsicht und ein Irrtum stehen hinter diesen hektischen Versuchen, Stuttgart ein Image zu verschaffen: die Ein sicht, dass diese florierende Stadt keine Optik hat; der Irrtum, dass sie durch spektakuläre Ereignisse herzuzaubern sei. Nun soll die Optik des Reichtums mit dem Bahnhof unter der Erde entstehen und mit der Global-City über dem Are al dahinter. Die Optik der al ten Stadt aber zählt kaum mehr und fällt dem Projekt zum Opfer.«

Hannelore Schlaffer hat recht: So lange Stuttgart Leuten wie Heinz Dürr, Hans Peter Stiehl, Dieter Hundt oder Lothar Späth erlaubt, eine Metropole nach ihrem Geschmack zu modeln, wird die Stadt den Provinzverdacht nie los werden. Diese Leute, die glauben, kalte Architektur mache eine große Stadt aus, sind die wahren Hinterwäldler. Es genügt eben nicht, Geld zu erben, auch nicht viel Geld zu erben, um wirk lich Geschmack zu haben.

Josef-Otto Freudenreich vertieft dieses Thema, in dem er uns die »Hintermänner« und Profiteure von Stuttgart 21 vorstellt. Kein Zweifel: In Stuttgart geht es um Bürgerinteressen gegen Wirtschaftsinteressen. Die großen Wirtschaftsverbände fürchten aus gutem Grund eine Beteiligung der Bürger. Regierung und Abgeordnete sind leichter und wohl auch billiger zu beeinflussen als das ganze Volk. Wer entscheidet also letztlich, wie die Stadt aus sieht? Die Bürger oder die Wirtschaft ? Auch dieser Konflikt wird in Stuttgart ausgetragen, und dies er klärt wohl auch, warum den Stuttgartern überall in der Republik so große Sympathie entgegengebracht wird. Da kommt Vincent Klinks Utopie gerade recht, um sich wieder zurechtzufinden.

Von der Landesregierung wird immer wieder behauptet, Stuttgart 21 sei in allen zuständigen Gremien mehrfach und mit großen Mehrheiten legitimiert worden, ein Ausstieg sei rechtlich nicht möglich, und falls es doch zu einem Ausstieg käme, bringe dieser exorbitant hohe Kosten mit sich. Volksentscheide würden zudem die repräsentative Demokratie gefährden. Dem widerspricht eine Gruppe Stuttgarter Anwälte entschieden. Ihren offenen Brief drucken wir ab.

Auch Peter Conradi beschäftigt sich in zwei Reden mit dieser Frage. Er zitiert den großen Verfassungsrichter Heinz Simon: »›Es gibt Grenzfälle, Entscheidungen, die weitgehend unumkehrbar sind und sich daher auch durch einen Machtwechsel nicht mehr rückgängig machen lassen.‹ Und für solche Fälle empfiehlt er eine Fortentwicklung der repräsentativen, der parlamentarischen Demokratie; wir wollen eine Stärkung unserer Demokratie durch stärkere Beteiligung der Bürger.«

Zum Abschluss kommt dieses Buch durch einen Auszug aus dem noch nicht veröffentlichten wunderbaren Roman »Wo die Löwen weinen« von Heinrich Steinfest, der uns noch einmal den Wahnsinn hinter all den rational vorgetragenen Argumenten der Stuttgart-21-Betreiber vor Augen hält.

Wolfgang Schorlau Stuttgart, im November 2010

© 2010 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Gmbh& Co. KG, Köln

Den Text haben wir mit freundlicher Genehmigung der Vorbemerkung des unten stehenden Buches als Vorabdruck entnommen, das am 26. November erscheint.

Wolfgang Schorlau (Hrsg.): Stuttgart 21. Die Argumente. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010, 180 Seiten, 8.95 Euro.

Wolfgang Schorlau, geboren 1951 in Idar-Oberstein, ist Schriftsteller und Autor von politischen Kriminalromanen. Schorlau lebt und arbeitet in Stuttgart.

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