Politik : Neues Leben mit Klinsmann IV

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Das Grundsatzproblem der Tour de France, neben dem Doping, lautet: Mit wem sollen wir uns identifizieren? Eine Mannschaft gehört der Firma Cofidis, die Kredit per Telefon anbietet, eine andere dem Großbäcker Brioches La Boulangére. Nützt uns wenig. „Ti mobeil! Ti mobeil!“ hätte als Schlachtruf aus deutscher Sicht auch nur geringe Chancen, Gerolsteiner, nun ja. Es käme wohl am ehesten das Team der Balearen in Frage, das wir Deutschen mit einem lautstarken „Bal-ler- mann! Bal-ler-mann!“ nach vorn peitschen könnten. Aber wer kapiert das mit den bunten Trikots?

Es hilft nichts: Fußball ist farblich klarer, hat eine einfachere Grundstruktur und leicht überschaubare Nationalteams, Fußball ist einfach besser. Und Klinsi ist sein Prophet. Kein Wunder, dass seine Wirkung längst in fußballferne Kreise hineinreicht. Fast die Hälfte der deutschen Frauen kann sich den Teamchef als Schwiegersohn vorstellen – dies wurde jetzt im Auftrag der „Frau im Spiegel“ ermittelt. Schwiegersohn, nun ja, das war wohl eine Vorgabe im Sinne der reifen Leserschaft. Viel höhere Werte würden erreicht, fragte man nach jenem Vorgang, den weibliche Fans mit dem Satz „Klinsi, ich will ein Kind von dir!“ umschreiben.

Klinsmann – das ist der Deutschland- Turbo. Der Motivator. Einer, der Mauern wegdenkt, von deren Existenz die meisten nicht einmal ahnen, einer, der mit positivem Wollen gegen das negative Machen angeht, das ja bisher der deutsche Nationalsport ist. Nur Teamchef? Er ist mit dieser Aufgabe etwa so ausgelastet, wie es Gerhard Schröder als Juso-Vorsitzender war. Würde Klinsi an irgendetwas rütteln und „Ich will hier rein!“ rufen – ihm würde sofort aufgetan, solange es sich nicht gerade um das Chefzimmer im Vatikan handelt. Aber ob er sich mit Airbus oder der Deutschen Bahn herumärgern will? Und Bundespräsident mit Wohnsitz in Kalifornien, das geht nicht, weil die Amerikaner die Ehrenkompanie in voller Montur nie reinlassen würden.

Damit es vorangeht, würden wir zunächst auch symbolische Funktionen akzeptieren. Statt des öden „Ich lebe von Hartz IV …“ endlich „Klinsmann IV hat mir ein neues Leben ermöglicht!“ Oder auf der Spur Günther Jauchs: „Wer wird Milliardär?“ mit Jürgen Klinsmann. Jeder kann es schaffen, darf das Publikum im Westfalenstadion fragen oder Odonkor anrufen. Selbst eine Neuauflage von „Einer wird gewinnen“ wäre denkbar. Auch wenn klar wäre, dass immer nur der eine gewinnt. Er.

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