Neues von der Weltverschwörung : Wie die "Lügenpresse" funktioniert - eine Satire

Morgens um Neun kommen die Direktiven von Steffen Seibert in die Redaktion, eine halbe Stunde später die von der NSA. Eine Satire über stumpfe Anschuldigungen.

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Wladimir Putin, Russlands Präsident.
Wladimir Putin, Russlands Präsident.Foto: REUTERS

Die Russen haben dieser Tage wieder mal eine Interkontinentalrakete getestet. Diese Dinger sind dazu da, sehr weite Strecken zu fliegen und dort, wo sie landen, ziemlich viel Schaden anzurichten. Es ist offensichtlich, dass das einzig dem Ziel dient, die Integrität der Landesgrenzen gegen die aggressive Einkreisungspolitik der Nato und ihrer Schergen…

Ja, wir wissen das, und ich wundere mich auch, dass diese Sätze hier der Zensur entgangen sind. Aber mehr geht nicht, nicht hier. Denn als Exponent der Lügenpresse ist leider auch diese Zeitung strikt an die Weisungen gebunden, die das Bundespresseamt jeden Morgen – und außerdem bei aktuellen Anlässen – ausgibt. Wenn Sie es nicht weitersagen: Der Tagesspiegel hat unter anderem deshalb zwei Chefredakteure, damit immer einer morgens um neun persönlich dabei sein kann, wenn Steffen Seibert die Direktiven ausgibt.

Die sind im Grunde immer sehr knapp. Putin lächerlich machen! Flüchtlinge harmlos schreiben! Und keine Witze über die Kanzlerin! Dass wir gegen Pegida und andere erzdemokratische Organisationen nach Kräften hetzen müssen – das versteht sich im Grunde von selbst und muss nicht täglich angemahnt werden. Und immer am Freitag kommt noch der dicke Sigmar von den Sozis vorbei und gibt ein paar Spezialbefehle aus.

Das Problem sind die Amerikaner

Das Problem allerdings sind die Amerikaner. Immer funken sie dazwischen, manchmal schon um halb neun. Dann steht hier der NSA-Resident vor der Tür und droht mit Guantanamo, wenn bestimmte heikle Fakten nicht unter Verschluss bleiben. Zum Beispiel, dass Obama persönlich die Massenflucht aus Syrien angeordnet hat, um sich dort freies Schussfeld zu schaffen, wenn der Kampf ums Öl…

Moment, ich höre grad, es geht nicht mehr ums Öl. Aber mehr lässt sich hier nicht schreiben, es klingelt grad das Telefon, der Bundesverband der Deutschen Industrie hat die Chefredaktion aufgefordert, dieses Thema auf gar keinen Fall aufzugreifen, ja zum Kreuzdonnerwetter, wie soll man denn glaubhaft Lügenpresse machen, wenn man nicht einmal mehr lügen darf?

Und abends! Früher haben wir uns abends an üppigen Buffets herumgetrieben, bis es Zeit fürs Bett war, heute hängen wir ewig bei transatlantischen Thinktanks herum, die uns in NatoSprech schulen und uns USB-Sticks mit fertigen Antworten auf erboste Leserbriefe geben. Ach, übrigens, die Mondlandung: Alles frei erf…

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