Politik : Nicht alle kommen durch

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Von Ulrike Frenkel, München

Ein Klischee wird statistisch unterfüttert: Glaubt man den Vorabmeldungen über die Ergebnisse der Pisa-Studie, so hat Bayern die besseren Schulen und die besseren Schüler. Viele, die von dort in andere Bundesländer umgezogen sind, oder umgekehrt etwa von Nordrhein-Westfalen in den Süden Deutschlands, liefern dazu seit langem schaurige Erfahrungsberichte. Ein Einser im Zeugnis hier sei ungefähr ein Dreier dort, wird gerne erzählt, in Bayern falle eben weniger Unterricht aus, und der Leistungsdruck sei höher.

Tatsache ist, dass in Bayern zehn Prozent mehr Unterricht stattfindet als im Bundesdurchschnitt, und dass Bayern pro Jahr und Schüler 500 Euro mehr Geld ausgibt als im Bundesdurchschnitt. Die zentralen Prüfungen, denen sich in Bayern alle Schüler unterziehen müssen sowie ein stark leistungsorientiertes Schulsystem scheinen zudem zum Erfolg der durch den Pisa-Test erfassten Schüler beigetragen haben. Wenigstens nach den verbreiteten Details kann sich das bayerische Kultusministerium jetzt also auf die Schulter klopfen. „Pisa ist nun auch eine Bilanz zwischen einer sozialdemokratisch geführten Bildungspolitik und einer unionsgeführten“, sagt die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU).

Derweil ziehen sich die Sozialdemokraten gerne darauf zurück, dass es sich bei dem bundesinternen Leistungsvergleich um eine „Platzvergabe in der zweiten Liga“ handle. Doch in der Union trumpft man seit dem Wochenende auf. CSU-Fraktionschef Alois Glück bezeichnete die Schulstudie als „große Anerkennung für die Politik der CSU". Gleichzeitig wehrte er sich gegen Vorstellungen von einer Zentralisierung des deutschen Schulsystems. Keineswegs dürfe durch die Einführung bundeseinheitlicher Standards das bayerische Niveau gesenkt werden, sagte er. Und Hohlmeier sprach davon, dass die Schulen keine „falsch verstandene Behüte-Pädagogik“ brauchten, sondern ein modernes Leistungsverständnis, das bedeute, Kinder zu fördern und zu fordern.

Über die Bereiche, in denen sich das stark selektive bayerische Schulsystem nicht so positiv auswirkt, wird in München weniger gern gesprochen. Bayern hat mit 19,7 Prozent eines Jahrgangs die niedrigste Abiturientenquote in Deutschland. Um den Fachkräftebedarf der eigenen Wirtschaft zu decken, muss das Land jährlich über 4000 Akademiker aus anderen Bundesländern oder aus dem Ausland rekrutieren. Auch der gravierende Unterschied zwischen den Bildungsabschlüssen ausländischer und deutscher Jugendlicher ist in Bayern ausgeprägt. Mit 23 Prozent ausländischer Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss landet das Land im Bundesvergleich an drittletzter Stelle.

Das macht deutlich, dass das bayerische Schulwesen, erprobt in einem Land mit einer relativ niedrigen Quote an Sozialhilfeempfängern, keineswegs als Beispiel für den Rest der Republik taugt. Denn der Pisa-Test scheint überall dort schlecht ausgefallen zu sein, wo in den Schulen mit den speziellen Problemen sozial schwacher Kinder gekämpft werden muss – und keineswegs stammen diese nur aus ausländischen Familien. Diese frühzeitig vor allem im sprachlichen Bereich zu fördern, so fordert die Bayern-SPD, sei eine Aufgabe, der sich auch die CSU-Landesregierung stellen müsse.

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