Politik : Nicht schießen, helfen

Reinhard Mutz

Doch die wichtigere Frage lautet: in welche Bundeswehr?Reinhard Mutz

Unweit Prizren, ein entlegener Weiler. Auf ihrer nächtlichen Route wird die Bundeswehrpatrouille jäh gestoppt. Eine gestikulierende Familie bangt um die junge Frau, deren Wehen vorzeitig eingesetzt haben. Kein Arzt ist aufzutreiben, also wird das Kriegsgefährt zum Krankentransporter. Aber es ist schon zu spät. Nach kurzer Fahrt helfen die beiden Soldaten, Schweiß auf der Stirn, einem gesunden Baby ans Licht der Welt. Und da sollte eine Soldatin weniger überzeugend ihren Mann gestanden haben?

Was haben Frauen beim Militär zu suchen? Darüber lässt sich ausholend ideologisch debattieren. Oder auch schlicht pragmatisch, indem man fragt, worin genau der Job heute besteht. Gewiß gehören Hebammen-Dienste nicht zum Alltag der KFOR-Soldaten. Aber so völlig untypisch sind sie auch wieder nicht. In Somalia hat die Bundeswehr Brunnen gebohrt, in Bosnien Brücken gebaut, in Kosovo Dachstühle. Braucht es dazu Soldaten? Wohl kaum, nur war der eigentliche Auftrag ja stets ein anderer: Wo gestern noch Kriege tobten, sollte der fragile Frieden beschützt werden. Zwar ist der militärische Auftrag nicht hinfällig geworden, aber er verschwindet immer mehr hinter anderen Aufgaben. Vor allem in Kosovo. Dort herrscht kein Frieden, es herrscht Anarchie. Die KFOR-Soldaten haben alle Hände voll zu tun mit der Verfolgung von Brandstiftern, Plünderern und Taschendieben. Sie machen Verbrecher dingfest und unterhalten Gefängnisse. Sie tun es mit Engagement, aber bisher ohne durchgreifenden Erfolg.

Aufgaben für Frauen in der Bundeswehr? Mehr als genug! Die Friedenskonsolidierung nach Kriegen, die Leid und oft Hass zurückgelassen haben, erfordert neben soliden Kenntnissen und trainierbaren Fähigkeiten vor allem jene Eigenschaft, die Psychologen als soziale Kompetenz bezeichnen. Lässt sich ernsthaft behaupten, das eine Geschlecht sei damit üppiger versehen als das andere?

Nicht ob Frauen für diesen Dienst geeignet sind, lautet die Frage, sondern ob es ein Dienst ist, der in und von Armeen geleistet werden sollte, deren angestammter Zweck nun mal der Kampf mit der Waffe darstellt. Und auch jene Frauen, die gleichwohl die klassische Soldatenrolle anstreben, müssen nicht zurückstehen. Der Befähigungsnachweis ist längst erbracht. In europäischen Nachbarländern fahren Frauen Panzer, fliegen Kampfjets und kommandieren U-Boote.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs argumentiert mit dem Grundsatz der Gleichberechtigung: Was Männer dürfen, muss auch Frauen erlaubt sein. In Deutschland ist der Waffendienst jedoch kein Recht, sondern Pflicht. Dass es nun schwieriger wird, daran festzuhalten, sorgt die Planer im Verteidigungsministerium am meisten. Dabei hat sich die Wehrpflicht schon aus ganz anderen Gründen überlebt. Die Bundesrepublik wird nicht mehr mit Mitteln bedroht, die militärische Gegenwehr erfordern. Militärdienst ist nicht länger Wehrdienst, womit die rechtliche, politische und ethische Voraussetzung der Wehrpflicht entfällt. Deshalb haben die meisten Verbündeten Deutschlands sie aufgegeben. Auch den Bedarf an Lehrern, Richtern oder Finanzbeamten rekrutieren Demokratien bekanntlich nicht per gesetzlicher Dienstpflicht.

Der alten Bundesrepublik war ihr Sicherheitsproblem in die Wiege gelegt. Die Gunst der Geschichte hat sie davon befreit. Was bleibt, ist die Mitverantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa und die Notwendigkeit, die richtigen Instrumente in ausreichender Menge bereitzuhalten. Dazu gehört auch eine Bundeswehr, die nicht unterfinanziert erscheint, weil sie überdimensioniert ist. Für die gestellte Aufgabe macht die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Mitteln der Friedenssicherung Sinn, die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen hingegen nicht.

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Instituts für Friedensforschung in Hamburg.

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