Politik : Nicht zu fassen

Vor einem Jahr sprengte ein Terrorist auf Djerba eine Synagoge in die Luft – die deutsche Spur führte ins Leere

Frank Jansen

Wahrscheinlich zeugt schon das Datum vom Zynismus der Terroristen. Auf den Tag genau sieben Monate nach den Anschlägen des 11. September explodierte auf der tunesischen Ferieninsel Djerba ein Kleinlastwagen mit einem aufmontierten Flüssiggastank. Direkt vor der Synagoge La Ghriba, die gerade von einer Reisegruppe besichtigt wurde. Ein Tourist filmte mit seiner Videokamera das Grauen: Ein plötzlicher Feuerball, schreiende Männer, Frauen und Kinder, Chaos. Insgesamt 21 Menschen kamen sofort ums Leben oder erlagen einige Wochen später ihren schweren Brandverletzungen. Unter den Toten befanden sich 14 Deutsche – und der Attentäter, der Tunesier Nizar Naouar, beauftragt von Al Qaida. Am heutigen Freitag, dem ersten Jahrestag des Attentats, ist der Schrecken von Djerba wieder präsent.

Vor allem für die überlebenden Brandopfer und die Angehörigen der Toten. „Es gibt eine große Scheu im Umgang mit dem Jahrestag“, sagt Christian Droste, Sprecher des im Juni 2002 gegründeten Vereins „Deutscher Opferschutzbund Djerba“. Wie die Überlebenden leiden, schildert Droste am Beispiel des kleinen Adrian Esper. Die Haut des Vierjährigen war zu 50 Prozent verbrannt. 22 Operationen musste Adrian erdulden, weitere sind unausweichlich. „Aber Adrian ist wieder im Kindergarten“, sagt Droste, „seine Psyche ist sehr stark.“

17 Verletzte und 32 Hinterbliebene haben aus einem Entschädigungsfonds, den der Haushaltsausschuss des Bundestages im Mai bewilligte, zwischen 10 000 und 190 000 Euro bekommen. Doch es gibt bisher keinen greifbaren Täter, der eine Art Wiedergutmachung leisten müsste. Und auf den Überlebende und Hinterbliebene ihre Wut richten könnten. Osama bin Laden ist nicht zu fassen, von den fünf in Frankreich und Spanien festgenommenen, mutmaßlichen Helfern des Attentäters steht noch keiner vor Gericht. Und der Deutsche Christian G., den Naouar kurz vor der Explosion anrief und der sich im November nach Saudi-Arabien absetzte, ist offenbar nur eine Randfigur.

Nach Ansicht von Sicherheitsexperten hat G. vermutlich nicht gewusst, dass Naouar sich kurz nach dem Gespräch in die Luft sprengen wollte. Das Signal zum Anschlag habe vielmehr der kürzlich in Pakistan festgenommene Al-Qaida-Kader Khalid Scheich Mohammed gegeben. Auch in einem Telefonat, einige Stunden vor der Tat. Außerdem bezweifeln Fachleute, dass Al Qaida auf Djerba gezielt deutsche Urlauber treffen wollte. Naouar habe vor der Synagoge auf „ungläubige“ Touristen gewartet, möglicherweise erwartete er die Ankunft eines Busses mit Franzosen. Dass bin Ladens Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Zawahiri, später „Djerba“ als „Botschaft“ an Deutschland bezeichnete, werten Experten auch als typischen Zynismus: Angesichts der deutschen Opfer habe sich dieser Anschlag gut geeignet, die Bundesrepublik zu ängstigen.

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