Politik : Nichts unter Kontrolle

Gewalt und Chaos machen den Alltag in Bagdad zu einem dramatischen Überlebenskampf

Erwin Decker[Bagdad]

Der Taxifahrer Ismael Basil fährt zum Tanken nicht an eine Tankstelle. Er muss mit seinem 20 Jahre alten VW-Passat auf den Hinterhöfen Bagdads nach Sprit fragen. Über Flüsterpropaganda erfährt er, wo gerade der rare Treibstoff aus Kanistern verkauft wird. In der irakischen Hauptstadt gibt es seit Monaten keine Zapfsäulen mehr, an denen Benzin verkauft wird.Vor dem Krieg kostete ein Liter zwei Cent, jetzt muss man feilschen, dass man ihn – meist verdünnt – für zwei Dollar bekommt. Die meisten Ölpipelines sind gesprengt, nur eine Raffinerie im Süden arbeitet noch. Das Land mit den zweitreichsten Erdölvorkommen der Welt bekommt sein Benzin mit Tanklastzügen aus der Türkei. Strom und Wasser gibt es in Bagdad eine Stunde pro Tag. Drei Jahre nach Ende des Krieges bestimmen Chaos und Gewalt das Leben im Irak.

Schiitische Killerkommandos machen immer häufiger Jagd auf Sunniten, um sich für Terroranschläge zu rächen. In Stadtteilen, in denen überwiegend Schiiten wohnen, werden die Todesschwadronen immer mehr zum normalen Bestandteil des Straßenbildes. Die Sunniten, die im Bagdader Stadtteil Kadhamiya wohnen, sind dem Terror Tag für Tag ausgesetzt. Die schwarzen Männer schießen wahllos in Häuser und Innenhöfe. Manchmal geben sie den Bewohnern eines Hauses fünf Minuten, um es mit der Familie zu verlassen, und zünden es dann an. Sunniten werden so gezielt aus den Stadtteilen vertrieben, in denen überwiegend Schiiten wohnen. Oder sie werden einfach vor ihren Nachbarn hingerichtet.

Die „ethnische Säuberung“ ist laut einem UN-Bericht bereits weit fortgeschritten in der Sechs-Millionen-Stadt Bagdad. Und niemand kann diese Todesschwadronen stoppen. Am allerwenigsten die Polizei. Sechs Stadtteile hat der Terror bereits erfasst. Die Sunniten haben vor den Männern in Schwarz inzwischen mehr Angst als vor den täglichen Bombenanschlägen.

Besonders auf sunnitische Politiker und Kleriker haben es die Mordkommandos abgesehen. Im Vorort Abu Ghraib wurde ein sunnitischer Geistlicher vor seiner Moschee erschossen aufgefunden. Augenzeugen haben die Täter als Mitglieder der Todesschwadronen identifiziert.

Möglicherweise handelt es sich bei den schwarzen Männern teilweise um verselbstständigte Truppen des Innenministeriums. Der irakische Ministerialbeamte Kamal Hussein sagt, die Männer handelten nicht auf Befehl des Ministers. Doch Noch-Innenminister Bajan Bakr Solagh hat die Behörde längst nicht mehr unter Kontrolle. Weil nach der Wahl am 15. Dezember immer noch keine neue Regierung gebildet wurde, ist in einigen Ministerien ein Machtvakuum entstanden. General Raschid Flajih ist Kommandeur der Truppen des von den Schiiten geführten Innenministeriums. Die Existenz der Todesschwadronen bestreitet er nicht. Er bezeichnet sie sogar als „Field Intelligence Units“ – was so viel bedeutet wie „Geheimdienstmitarbeiter im Außeneinsatz“.

Sicher ist, dass große Teile der Todesschwadronen von der „Mahdi-Miliz“ des Schiitenführers Muktada al-Sadr, der 2004 einen Guerilla-Krieg gegen die Amerikaner in Nadschaf führte, rekrutiert wurden. Kürzlich fanden die Amerikaner im Stadtteil Neu-Bagdad während einer Fahrzeugkontrolle bei einem Polizeioffizier und einem Mitglied der Mahdi-Milizen eine Todesliste mit den Namen mehrerer Ministerialbeamter.

In den sunnitischen Stadtteilen wird ebenfalls aufgerüstet. Nachdem letzte Woche einige ihrer Moscheen zerstört wurden, haben sich die sunnitischen Milizen verstärkt. Meist mit Exsoldaten. Hilfe und Unterstützung kommt aus den Gebieten um Ramadi und Falludscha. Große Mengen Waffen und Kämpfer sollen schon in Bagdad eingetroffen sein.

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