Nobelpreis 2017 : Die Weltverbesserer

Drei Vorschläge, wer den Friedensnobelpreis dieses Jahr auf jeden Fall verdient hätte. Ein Kommentar.

Christian Böhme, Max Tholl und Til Knipper
Die Medaille mit dem Konterfei des Stifters erhält der Friedensnobelpreisträger am 10. Dezember in Oslo verliehen.
Die Medaille mit dem Konterfei des Stifters erhält der Friedensnobelpreisträger am 10. Dezember in Oslo verliehen.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Es ist ohne Zweifel der wichtigste internationale Friedenspreis, dessen Preisträger an diesem Freitag in Oslo bekannt gegeben wird. 318 Nominierte standen dieses Jahr zur Auswahl für den Friedensnobelpreis, der gerade in der aktuell angespannten Weltlage die internationalen Entwicklungen stark beeinflussen kann. Drei Vorschläge, wer den Preis in diesem Jahr auf jeden Fall verdient hätte:

Die Weißhelme in Syrien

Sie retten Leben. Tag für Tag, seit nunmehr vier Jahren. Und riskieren dabei ihr eigenes. Weil die Weißhelme kommen, wenn die Bomben fallen. Weil sie helfen, Verschüttete aus den Trümmern zu bergen. Und das oft mit bloßen Händen. Eine allerletzte Hoffnung für Frauen, Kinder und Männer, denen der Tod droht. Die Männer des privaten, durch Spenden finanzierten syrischen Zivilschutzes tun das freiwillig und mit einer Selbstverständlichkeit, die ohne opferbereite Selbstlosigkeit nicht möglich wäre. So sind die Weißhelme zu einem Symbol für Mitmenschlichkeit in einem Krieg geworden, in dem das Unmenschliche längst zum Alltag gehört. Wer ihre Arbeit würdigen will, kommt kaum umhin, diese mutig zu nennen, ja, heroisch. Abertausende verdanken den ehemaligen Schneidern, Busfahrern oder Bauarbeitern ihr Überleben. Einige hundert Rettungshelfer sind bei ihren Einsätzen getötet worden. Auch gezielte Angriffe auf die Weißhelme gibt es immer wieder. Denn gerade Machthaber Assad und das mit ihm verbündete Russland sehen in den Zivilschützern wahlweise eine PR-Abteilung des Westens oder Unterstützer der Islamisten. Dabei interessiert die Weißhelme weder Politik noch Religion. Sie wollen nur Leben retten. Dafür haben sie bereits den Alternativen Nobelpreis erhalten. Heute wäre der Friedensnobelpreis fällig.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk

Filippo Grandi ist weder Präsident noch Premierminister und trotzdem für das Wohl von 65,6 Millionen Menschen verantwortlich - so viel, wie die Bevölkerung Großbritanniens. Der Hohe Flüchtlingskommisar der Vereinten Nationen hilft denen, die alles verloren haben oder zurücklassen mussten, um ein besseres Leben in der Ferne zu finden. Flüchtlinge und Asylanten, die von einer sicheren und heilen Welt träumen, die sich bei der Ankunft - wenn sie denn ankommen - oft als Alptraum mit Stacheldraht entpuppt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Und noch nie wurden so viele Grenzmauern und -zäune errichtet, um diese Menschen, die Hälfte davon Kinder, fernzuhalten. Das passiert nicht nur in Europa, sondern weltweit. Syrien, Afrika, Mexiko, Afghanistan, Myanmar: überall werden Menschen zu Heimatlosen. Andauernde Kriege und eine voranschreitende Klimakatastrophe drohen die Flüchtlingszahlen auch zukünftig nach oben schnellen zu lassen. Gerade deswegen wäre es nach 1954 und 1981 erneut an der Zeit ein Zeichen zu setzen und das UN-Flüchtlingswerk mit dem Friedensnobelpreis zu ehren. Es wäre zumindest ein symbolisches Stück Frieden für die, die diesen verloren haben.

Die Architekten des iranischen Atomdeals

Das Atomabkommen mit dem Iran gilt zurecht als historische Leistung der internationalen Diplomatie. Zwanzig Monate dauerten die mühsamen Verhandlungen der Vetomächte des UN-Sicherheitsrats und Deutschland mit der Regierung in Teheran. Als die Architekten des Deals gelten die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der iranische Außenminister Mohammed Zarif, die die Gespräche erfolgreich orchestrierten und im Juli 2015 in Wien endlich die Einigung verkünden durften. Alle Beteiligten – auch die USA – bescheinigen dem Iran bisher, die Vereinbarung einzuhalten, was regelmäßig von der internationalen Atomenergie-Organisation kontrolliert wird. Wie wertvoll das Abkommen ist, in dem der Iran auf die Entwicklung von Atomwaffen verzichtet hat und im Gegenzug wirtschaftliche Sanktionen gegen das Land aufgehoben wurden, zeigt sich jetzt im Konflikt um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Umso verwerflicher ist es, dass US-Präsident Donald Trump das Iranabkommen immer wieder als den schlechtesten Deal bezeichnet, den die USA jemals unterschrieben haben und sogar mit einer Kündigung droht. Eine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis würde daher in zweierlei Hinsicht helfen: Er machte es Trump erheblich schwerer, sich aus dem Abkommen zurückzuziehen. Und wenn Kim Jong Un sieht, dass eine diplomatische Lösung internationale Anerkennung findet, könnte der Preis auch für Gesprächsbereitschaft im Konflikt zwischen Pjöngjang und Washington sorgen.

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