Politik : Noch nicht gebaut und schon heftig umstritten

Thomas Seibert

Seit Jahrzehnten träumt die Türkei von einem eigenen Atomkraftwerk. Jetzt soll der Traum endlich Wirklichkeit werden: An diesem Freitag will die staatliche Energiebehörde Teas den Bauauftrag für den Atommeiler in der Bucht von Akkuyu an der türkischen Südküste vergeben. Um den Milliarden-Auftrag bewerben sich drei internationale Anbieter, darunter das deutsch-französische Konsortium Nuclear Power International (NPI), dem das Technologie-Unternehmen Siemens und die Baufirma Hochtief angehören. Doch Akkuyu ist in der Türkei schon lange ein Reizwort. Umweltschützer und Anrainer laufen Sturm gegen das Projekt, und selbst unter den Bewerberfirmen gibt es Streit.

Je nach Bewerber und Leistungsfähigkeit des Atomkraftwerkes soll der Bau den türkischen Staat umgerechnet fünf bis zehn Milliarden Mark kosten. Neben NPI sind zwei Konsortien unter Führung des US-Konzerns Westinghouse und des kanadischen Unternehmens AECL im Rennen um den Auftrag für das erste von insgesamt zehn geplanten AKWs. Doch auch die Opposition gegen das Projekt hat sich unter Führung der Umweltschutzorganisation Greenpeace schlagkräftig organisiert. Die Atomgegner weisen darauf hin, dass in der Nähe von Akkuyu tektonische Verwerfungslinien verlaufen. Gegen diese Bedenken führen die Befürworter des Projektes ins Feld, moderne Atomkraftwerke könnten erdbebensicher gebaut werden, wie in Japan oder Taiwan zu sehen sei. Im Fall Akkuyu gehörte die Erdbebensicherheit auch zu den Vorgaben bei der Ausschreibung, sagt Siemens-Sprecher Wolfgang Breyer. Das Baugelände liege "seismisch gesehen in einer relativ ruhigen Zone".

Doch nicht nur zwischen Gegnern und Befürwortern des Projekts gibt es Streit. Die Konsortien Westinghouse und AECL werfen NPI vor, sich nicht an alle Ausschreibungsbedingungen gehalten zu haben. Breyer betont dagegen, NPI habe die Bedingungen voll und ganz erfüllt; die Mitbewerber befürchteten wohl, NPI könne besser dastehen als sie selbst. Wenn NPI den Zuschlag erhält, wollen die beiden Konkurrenten klagen. Möglicherweise werden daher nicht die Proteste von Atomkraftgegnern, sondern die konkurrierenden Atomfirmen den Bau des ersten türkischen Kernkraftwerks stoppen, bevor er überhaupt begonnen hat.

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