Politik : Nordirland: Patriotische Kulissen, David Trimble und Geschichtsklitterung

Martin Alioth

Vor dem patriotischen Hintergrund eines französischen Denkmals für die im Ersten Weltkrieg gefallenen nordirischen Soldaten bestätigte David Trimble am Sonntag, er sei als Erster Minister der nordirischen Provinzregierung zurückgetreten. Trimble warf sich damit auch bildlich in die Pose eines Retters des Vaterlandes, denn die traditionellen protestantischen Märsche dieser Tage gelten - entgegen anders lautenden Behauptungen über den historischen Hintergrund aus dem 17. Jahrhundert - dem Gedenken an die gefallenen protestantischen Soldaten des Ersten Weltkrieges aus Nordirland. Der Umstand, dass mindestens ebenso viele irische Katholiken damals freiwillig unter der britischen Flagge dienten und starben, wird im protestantischen Teil Nordirlands noch immer weitgehend ausgeblendet.

Immerhin hatte Trimble im letzten Moment verhindert, dass die Selbstverwaltung Nordirlands gänzlich in die Brüche ging. Er ernannte am Samstag seinen Parteikollegen, den Minister Sir Reg Empey, als Statthalter ohne Amtstitel. Die nordirische Exekutive kann damit noch sechs Wochen lang auf Sparflamme funktionieren, dann spätestens muss das Provinzparlament allerdings einen Nachfolger wählen.

Trimble, der Vorsitzende der größten Protestantenpartei, begründete die Umsetzung seiner Rücktrittsdrohung damit, dass die katholische Untergrundorganisation IRA keine Anstalten zu ihrer eigenen Abrüstung getroffen habe - obwohl sämtliche Beteiligten, einschließlich der britischen und der irischen Regierung, sich vor 14 Monaten darauf geeinigt hatten, alle noch offenen Bereiche des Friedensabkommens bis Ende Juni 2001 zu erfüllen.

Neue Verhandlungsrunde

Eine neue Verhandlungsrunde soll schon am heutigen Montag in Belfast beginnen, um den Kollaps der nordirischen Selbstverwaltung zu verhindern. Die Themenliste bleibt unverändert: Entwaffnung der paramilitärischen Gruppen, Truppenabbau und Polizeireform. Der britische und der irische Premierminister wollen sich noch vor Ende Juli wieder persönlich in die Verhandlungen einschalten.

Der Zeitpunkt für einen einvernehmlichen Abschluss des jahrelangen Gerangels um die Entwaffnung der katholischen und protestantischen Extremisten scheint indessen nicht eben günstig. Die letzten Wochen brachten eine deutliche Zunahme von Gewalttätigkeiten der beiden Lager. Und am nächsten Sonntag droht der "Höhepunkt" der konfliktreichen Paradensaison, wenn die Protestanten durch die nordirische Stadt Porta ziehen wollen.

Immerhin war ein mit Bangen erwarteter Umzug des protestantischen Oranierordens in Belfast am Samstagnachmittag ohne größere Zwischenfälle verlaufen; trotz der Tatsache, dass die Parade der Oranier durch die "Friedenslinie" hindurch marschierte. Diese Mauer trennt die Protestanten symbolisch wie physisch von den Katholiken. Die nordirische Polizei hatte ein Großaufgebot zwischen die Bewohner verfeindeter Wohnviertel gestellt.

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