NS-Erbe : Stumme Zeugen

Im polnischen Izbica bauten die Nazis einst ein Gefängnis - aus Grabsteinen von Juden. Nun sind die Platten auf dem Friedhof zurück.

Knut Krohn[Izbica]
Izbica
Todesspuren: Ehemals verbauter Grabstein in Izbica. -Foto: SWR

Halina Blaszcyk wundert sich, wenn man sie nach jenen Monaten im Jahr 1942 fragt. Sie streicht dann mit der flachen Hand langsam das rot-weiß karierte Wachstuch glatt. Gerade so, als wolle sie nun ein für alle Mal reinen Tisch machen. Sie hat raue, alte Hände, überzogen von Runzeln, Hände, die gewohnt sind, seit über 80 Jahren hart anzupacken. Halina Blaszcyk sagt: „Es war Krieg.“ Wieder streicht sie über das abgeschabte Tuch. Dass sich Menschen nach so langer Zeit noch aufmachen in den letzten Winkel Ostpolens, auf der Suche nach der Geschichte ihres kleinen Dorfes mit dem Namen Izbica! Sie kann es kaum verstehen.

Aber es hat einen Grund. Er heißt Kurt Engels. „Den nannten wir den ,bedrohlichen Iwan‘, sagt Halina Blaszcyk. Engels kam im Jahr 1941 als Gestapo-Führer in das hauptsächlich von Juden bewohnte Izbica. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, an die Polizeistation ein Gefängnis anzubauen, in der er Verhöre durchführte. Es war kein normaler Anbau. Die Steine dafür hatte Engels vom jüdischen Friedhof holen lassen. Es waren die Grabsteine.

Halina Blaszcyk steht auf und geht zu einer Küchenkommode neben dem alten Herd. Sie wühlt in einer Schublade, es dauert einige Zeit, bis sie gefunden hat, wonach sie sucht. Schließlich faltet sie sorgsam eine vergilbte Zeitung auseinander und legt sie auf den Tisch. „Hier auf der zweiten Seite, das bin ich in Israel“, sagt sie und deutet auf eine Frau mit schon schlohweißem Haar. Sie ist auf dem grobkörnigen Bild nur schlecht zu erkennen. Die Frau auf dem Foto pflanzt etwas ein und lacht dabei in die Kamera. Neben ihr stehen zwei Männer in dunklen Anzügen, wie sie in den 60er Jahren Mode waren.

Israel, das war die einzige weite Reise im Leben von Halina Blaszcyk. Nach Jad Vaschem wurde sie eingeladen, um dort einen Baum zu pflanzen, ihren Baum. Halina Blaszcyk ist eine Heldin, eine „Gerechte unter den Völkern“. Ihre Eltern, polnische Katholiken, haben damals in Izbica jüdischen Familien geholfen, sie mit Essen versorgt, manche auch vor den Nazis versteckt. Dafür, dass sie und ihre Familie vor mehr als 60 Jahren das Leben aufs Spiel gesetzt haben, bekommt sie heute eine kleine zusätzliche Rente.

Mit beiden Armen stützt sich Halina Blaszcyk auf den Tisch, um sich das Bild noch einmal genauer anzusehen. „Es war eine schlimme Zeit, damals“, murmelt sie. Es bereitet ihr Mühe, die Bruchstücke an die vergangene und wohl auch verdrängte Zeit aus der Erinnerung in die Gegenwart zu holen. Sie war damals ein kleines Mädchen und Izbica war die Hölle auf Erden.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Izbica eine jüdische Kleinstadt, eher arm als wohlhabend, etwa 60 Kilometer hinter Lublin, nicht allzu weit von der ukrainischen Grenze entfernt. Über 90 Prozent der 6000 Einwohner waren Juden, die meisten orthodox. Sie lebten ihr Leben, die wenigen Katholiken das ihrige. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen sollte sich alles ändern. Für die Bewohner des Schtetls war es der Beginn eines Leidensweges, der für die meisten Menschen in einem der nahen Vernichtungslager endete.

Bereits 1939 begannen die neuen Machthaber, Tausende von Juden aus ganz Polen nach Izbica umzusiedeln und in die Häuser der einheimischen jüdischen Bevölkerung einzuquartieren. Zwei Jahre lebten die Menschen unter unzumutbaren Bedingungen, doch niemand ahnte, dass das Unvorstellbare erst noch bevor stand.

Ende 1941 bauten die Nazis Izbica während der sogenannten „Aktion Reinhard“ zu einem Durchgangsghetto aus. Der Grund: Das Dorf lag „verkehrsgünstig“ an der Bahnstrecke zu den Vernichtungslagern in Belcez und Sobibor. In dieser Zeit traf auch der Gestapo-Führer Kurt Engels ein, zerstörte den jüdischen Friedhof und baute aus den Grabsteinen sein Gestapo-Gefängnis.

Von nun an lieferten die Deutschen keine Lebensmittel mehr in das Ghetto. Die hygienischen Verhältnisse in dem Bauerndorf wurden untragbar. Viele Menschen starben an Seuchen oder Entkräftung. Am 24. März 1942 wurden die ersten 2200 Juden von Izbica in das Vernichtungslager Belzec transportiert.

Am Marktplatz stehen heute noch einige der typischen Häuser, wie sie vor einem Dreivierteljahrhundert oft zu finden waren. Im Erdgeschoss liegen die kleinen Geschäfte, darüber sind die Wohnräume. Während des Krieges wohnten nicht selten mehr als zehn jüdische Familien darin. Die ehemalige Gestapo-Zentrale ist heute die örtliche Polizeistation, von dem Gefängnisanbau ist inzwischen nichts mehr zu sehen.

Die heutigen Bewohner des Dorfes reden nicht allzu gerne darüber. „Zufall“ sei es gewesen, dass ausgerechnet Izbica von den Nazis zum Durchgangslager gemacht worden sei, sagt die junge Verkäuferin eines Lebensmittelgeschäftes. Ein alter Mann hört die kurze Unterhaltung. Wenige Minuten später wartet er auf dem kleinen Marktplatz. „Es war eine unvorstellbare Tragödie“, sagt er, ohne sich vorzustellen. Eine Tragödie, über die hier lange nicht gesprochen wurde.

Quer über den ehemaligen jüdischen Friedhof zieht sich heute ein schmaler Trampelpfad den Hügel hinauf, vorbei an zwei Massengräbern und drei kleinen Gedenkstätten. Erst im vergangenen Jahr wurden die noch erhaltenen jüdischen Grabsteine, die zum Bau des Gestapo-Gefängnisses benutzt worden waren, abgetragen und wieder auf den Friedhof gebracht. 60 Jahre hat es gedauert, bis sich alle Seiten für ein würdiges Gedenken an die damals ermordeten Menschen durchringen konnten. Heute erinnert immerhin ein kleines Mahnmal aus schwarzem Granit an die deutschen Gräueltaten.

An einem kleinen Grab zwischen wilden Lilien brennen zwei Kerzen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wer die Kerzen dorthin gestellt hat“, sagt Halina Blaszcyk. „Es gibt bei uns keine Juden mehr, aber es kommen immer wieder Leute, um den Ort zu besuchen.“ Sie selbst scheint mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Es ist ihre Art, mit dem Erlebten umzugehen, das eigene Schicksal zu akzeptieren. „Mein Leben ist eben so verlaufen“, sagt Halina Blaszcyk und zuckt mit den Schultern. Dann lächelt sie etwas schüchtern.

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