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NSU-Terrorist und Fall Peggy : DNA von Böhnhardt am Fundort von Peggys Leiche entdeckt

Im Juli waren die sterblichen Überreste der 2001 verschwundenen Peggy gefunden worden. Die neuen Erkenntnisse könnten sich auch auf den NSU-Prozess auswirken.

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Ein Gedenkstein für Peggy
Ein Gedenkstein für PeggyFoto: dpa

Im Fall der rechtsextremen Terrorzelle NSU gibt es womöglich einen Hinweis auf ein weiteres Verbrechen. Die bayerische Polizei hat bei der Leiche der 2001 in Oberfranken verschwundenen, neunjährigen Peggy eine DNA-Spur des NSU-Mörders Uwe Böhnhardt entdeckt. Zuerst hatte "Bild" darüber berichtet.

Das Mädchen war am 7. Mai 2001 vom Rückweg aus der Schule im oberfränkischen Lichtenberg nicht zuhause angekommen. Peggy blieb unauffindbar. Erst am 2. Juli 2016 entdeckte ein Pilzsammler in einem nur wenige Kilometer entfernten Wald in Thüringen Teile der Leiche des Mädchens.

Das bayerische Landeskriminalamt fand jetzt die DNA-Spur von Böhnhardt auf einem Gegenstand in der Nähe des Skeletts von Peggy. Das sagte Oberstaatsanwalt Harald Potzel am Donnerstagabend in Bayreuth bei einer Verlesung einer Erklärung der Ermittler. Fragen waren nicht zugelassen.

Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks wurde die Genspur auf einem Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels gefunden. Der Stoff lag offenbar in der Nähe von Peggys Knochen, aber nicht direkt an der Leiche.

Die Polizei äußerte sich daher vorsichtig. "In welchem Zusammenhang diese DNA-Spur gesetzt wurde, wo sie entstanden ist und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy K. steht, bedarf weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen", teilte sie mit.

Oberstaatsanwalt sieht viele offene Fragen bei NSU

"Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel am Freitag in Bayreuth. „Wir müssen erstmal sortieren, in welcher Reihenfolge wir das abarbeiten.“ Viele der offenen Fragen betreffen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU). Geprüft werden müsse unter anderem, ob eine Verunreinigung zu dem DNA-Treffer geführt haben könnte, sagte Potzel. Dazu müsse auch geklärt werden, in welchen Räumen die Leiche Böhnhardts, die Skelettteile von Peggy und die Fundstücke im Fall des Mädchens untersucht worden waren. Weitere Details nannte der Oberstaatsanwalt nicht. Er rechne auch nicht damit, dass die Ermittlungsbehörden noch am Freitag neue Ergebnisse präsentieren können.

Der 2011 gestorbene NSU-Terrorist Böhnhardt wird auch verdächtigt, 1993 im Alter von 15 Jahren am gewaltsamen Tod eines neunjährigen Jungen in Thüringen beteiligt gewesen zu sein.

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) wird für eine Mordserie mit zehn Toten verantwortlich gemacht, außerdem für zwei verübte Bombenanschläge. Die Opfer waren vorwiegend Migranten. Neben Böhnhardt gehörten dem NSU Uwe Mundlos sowie Beate Zschäpe an, die als einzige Überlebende des Trios derzeit in München vor Gericht steht.

Der NSU: Beate Zschäpe (l-r), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos
Der NSU: Beate Zschäpe (l-r), Uwe Böhnhardt und Uwe MundlosFoto: picture alliance /dpa

2011 hatte Mundlos, als ihnen die Polizei auf der Spur war, nach dem bisherigen Ermittlungsstand offensichtlich Böhnhardt erschossen und sich dann selbst getötet. Die Leichen der beiden waren am 4. November 2011 in Eisenach im ausgebrannten Wohnmobil der NSU-Terroristen gefunden worden. Zschäpe stellte sich kurz darauf der Polizei in Jena. Über mögliche Zusammenhänge zwischen dem NSU und dem Mordfall Peggy war bisher nichts bekannt.

Obfrau des NSU-Untersuchungsausschusses fordert DNA-Abgleiche

Mehrere Mitglieder des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses reagierten entsetzt auf die Nachricht vom Fund der DNA-Spur Böhnhardts. Sie verwiesen auch darauf, dass im ausgebrannten NSU-Wohnmobil Kindersachen gefunden worden seien, deren Herkunft bis heute unklar ist.

Die Linke-Obfrau des Ausschusses, Katharina König, forderte, nun müsse es einen Abgleich der DNA von Böhnhardt sowie der DNA der weiteren mutmaßlichen NSU-Terroristen mit allen ungeklärten Fällen geben, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien. Zudem sei aus ihrer Sicht derzeit völlig offen, ob der Münchner NSU-Prozess gegen Zschäpe so weitergehen könne wie bisher.

Wie König zeigte sich auch die Ausschussvorsitzende Dorothea Marx (SPD) bestürzt von der Nachricht. Beide sagten, nach ihrem Kenntnisstand sei die Herkunft der Kindersachen aus dem Wohnmobil bis heute ungeklärt. Diese müssten nun unbedingt auch in den Fokus der Ermittlungen im Fall Peggy rücken. "Die meisten der Kindersachen wurden nie auf DNA untersucht", sagte Marx. In dem Wohnmobil waren unter anderem Kinderschuhe gefunden worden.

Anwalt kündigt neuen Beweisantrag im NSU-Prozess an

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, forderte Zschäpe auf, sich zu den neuen Erkenntnissen im Fall Peggy zu äußern. „Ich würde mir wünschen, dass Frau Zschäpe auch in diesem Fall an der Aufklärung mitwirkt und auspackt, was sie dazu weiß“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Freitag). Irene Mihalic, Obfrau der Grünen-Bundestagsfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss, sagte der Zeitung: „Das ist eine neue Dimension. Wir müssen dem nachgehen.“

Daimagüler kündigte auch einen neuen Beweisantrag im NSU-Prozess an. Dabei sollten Einzelheiten über Kinderporno-Dateien auf einem Computer des NSU untersucht werden, sagte Daimagüler der Deutschen Presse-Agentur. Im Schutt der abgebrannten Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau war ein Datenträger mit Kinderpornomaterial gefunden worden. Man müsse herausfinden, sagte Daimagüler, „wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei“.

Urteil und Freispruch im Fall Peggy

Im Fall Peggy hatte der geistig behinderte Ulvi K. ein Geständnis abgelegt, dieses jedoch später widerrufen. Er wurde 2004 verurteilt, dann aber 2014 freigesprochen. Ulvi K. hatte vor dem Verschwinden Peggys einen Jungen sexuell missbraucht.

Nicht nur Ulvi K. widerrief sein Geständnis. Auch ein Hauptbelastungszeuge aus dem Gefängnis nahm seine Schilderung zurück, derzufolge K. ihm gegenüber von dem Mord erzählt habe.

Wegen der vielen Ungereimtheiten hatten sich Teile der Bevölkerung mit K. solidarisiert und eine Bürgerinitiative gegründet. Nach dem Gefängnis und einem Psychiatrieaufenthalt lebt er heute in einem Behindertenwohnheim. (mit dpa)

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Zschäpe bestreitet Mitwisserschaft bei erstem NSU-Mord
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