Politik : Nur nicht wieder auf der falschen Seite stehen

Jemen gibt den USA faktisch freie Hand bei der Terrorbekämpfung – auch wenn sich das Regime und die Islamisten ideologisch sehr nahe sind

Andrea Nüsse[Sanaa]

Das Gerücht geht so: Der jemenitische Staatspräsident Ali Abdallah Saleh fuhr mit dem Islamistenführer Abdel Majid Zandani nach dem 11. September auf einen Berg, von dem aus man das Rote Meer sehen kann. „Dort unten liegen die US-Kriegsschiffe. Wenn du und deine Leute jetzt nicht stillhalten, schießen sie deine Al-Iman-Universität kaputt“, soll Saleh zu dem charismatischen Rektor der Universität gesagt haben, der dem radikalen Flügel der islamistischen Islah-Partei zugerechnet wird. Da sich Zandani an die Botschaft zu halten schien und Interviews nur noch mit schriftlicher Erlaubnis des Präsidenten gab, wurde die Al-Iman-Universität, die als islamistische Hochburg gilt, nach kurzer Schließung wieder geöffnet.

Einer seiner ehemaligen Studenten, Ali Jarallah, erschoss Ende Dezember den Vize-Präsidenten der jemenitischen sozialistischen Partei, Jarallah Omar. Ihm warfen islamistische Hardliner den Abfall vom Glauben vor, weil er für Demokratie eintrat und die Scharia, das islamische Rechtssystem, ablehnte. Wenige Tage später ermordete ein Mann, der sich als Schüler des Omar-Mörders ausgab, drei US-Ärzte in einem Baptisten-Krankenhaus südlich von Sanaa. Damit ist Jemen erneut als „Hort des Terrors“ in die Schlagzeilen geraten.

Genau das wollte die Regierung unter Präsident Saleh um jeden Preis vermeiden. Die Episode mit Scheich Zandani auf jenem Berg über dem Roten Meer, ob sie denn wahr ist oder nicht, zeigt den neuen Kurs der jemenitischen Regierung. Sie versucht, ihre Aliianz mit gemäßigten und radikalen Islamisten zu beenden, um nicht in die Schusslinie Washingtons zu geraten. Aus diesem Grund hat sie den USA faktisch freie Hand bei der Terrorismusbekämpfung auf jemenitischem Territorium gegeben. Nicht nur trainieren etwa 150 amerikanische Spezialkräfte die Armee Jemens, die Regierung hat auch bei der Ermordung des mutmaßlichen Al-Qaida-Chefs Ali Qaid Sinian al Harithi kooperiert: In seinem Auto in der Wüste wurde er von einer Rakete getroffen, die eine unbemannte US-Drohne abschoss.

Um das Image des Landes weiter aufzupolieren hat Jemens Regierung am Donnerstag einen umfassenden Anti-Terror-Plan präsentiert, der unter anderem verstärkten Schutz der eigenen Küsten und ausländischer Bürger vorsieht. Der Jemen will vermeiden, wie 1990 auf der falschen Seite zu stehen. Beim ersten Golfkrieg hatte der gerade wiedervereinigte Staat im UN-Sicherheitsrat gegen einen Angriff auf den Irak gestimmt, von dem es sich in der Auseinandersetzung mit seinem historischen Feind Saudi-Arabien den Rücken stärken ließ. Die USA hatten Jemen damals erklärt, es werde diese Entscheidung teuer bezahlen. Das Land leidet heute noch an den Folgen, die USA stellten jede Hilfe ein.

Doch die Geschichte lässt sich nicht so einfach ausblenden. Anders als in anderen arabischen Ländern hat das Regime bis vor kurzem eng mit den Islamisten zusammengearbeitet: Sie wurden gebraucht, um die Sozialisten aus Südjemen ideologisch und militärisch zu besiegen. Doch das Regime und die gemäßigten Islamisten stehen sich auch ideologisch nahe. So hat die islamistische Islah-Partei denn auch von 1990 bis 1997 in Koalition mit der Partei von Präsident Saleh regiert. Damals sprossen zahlreiche Vereinigungen der Zivilgesellschaft aus dem Boden, die Pressefreiheit war relativ groß. Der Islah-Chef Scheich Abdallah Hussein al Ahmar ist bis heute Parlamentsvorsitzender.

Die Regierung bemüht sich, die radikalen Islamisten unter Kontrolle zu halten. Doch ihre Macht reicht nicht in alle Winkel des bergigen Landes: Im Norden und Osten herrschen die Stämme, die ihre Allianzen danach schmieden, wer ihnen mehr Geld gibt. In den Sicherheitsapparaten werden Mitglieder, die den radikalen Islamisten nahe stehen, ausgewechselt. Ein Teil der Imame wurde durch moderate Geistliche ersetzt, Unternehmen, die finanziell mit Al Qaida verbandelt sein sollen, geschlossen. Doch ein Mitglied der Islah-Partei, das nicht genannt werden will, wirft der Regierung vor, Gruppen zu stärken, die einer extrem konservativen und dem Westen feindlich gesonnenen Islam-Ideologie anhängen, um die moderate Opposition der Islah zu schwächen.

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