Politik : Ökumene über Kreuz

In der Stammzelldebatte gibt es in beiden großen Kirchen gegensätzliche Standpunkte

Claudia Keller,Martin Gehlen

Berlin - Schroffe Töne gehören normalerweise nicht zu den Umgangsformen zwischen den beiden großen Kirchen. Aber nachdem der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, den Attacken aus den Reihen der katholischen Bischöfe auf Forschungsministerin Annette Schavan „Züge eines Kulturkampfes“ attestiert hatte, hing der ökumenische Haussegen schief. Inzwischen haben sich die kirchlichen Gemüter auf beiden Seiten wieder beruhigt, nicht zuletzt, weil – wie es der künftige Münchner Erzbischof Reinhard Marx formuliert – „die Debatte um die Novellierung des Stammzellengesetzes quer durch die katholische und evangelische Kirche geht“. Die Bischöfe seien zwar einhellig gegen eine Verschiebung des Stichtags, aber es gebe in der katholischen Kirche auch andere Standpunkte. „Darüber muss gestritten werden.“ Von einer Krise der Ökumene will er nicht sprechen. Ähnlich denken auch andere katholische Oberhirten, auch wenn sie Hubers „Kulturkampf“-Vorwurf hinter vorgehaltener Hand als „völlig überflüssig“ bezeichnen.

Eine Belastung der Ökumene sehen auch evangelische Bischöfe nicht. „Kein Mensch würde die Forschung mit embryonalen Stammzellen uneingeschränkt befürworten, weder in der evangelischen noch in der katholischen Kirche“, erläutert Hermann Barth, Leiter des Kirchenamtes der EKD. Das sei Konsens. „Die Differenzen unterhalb dieses Konsenses müssen wir aushalten.“ Schließlich handle es sich um eine komplizierte Materie.

Und in der Sache gibt es sehr wohl Widerspruch zu Bischof Hubers Position, der sich Ende Dezember in Abgrenzung zur katholischen Kirche für eine einmalige Verschiebung des Stichtages ausgesprochen hatte, um „aus verantwortungsethischen Gründen das kleinere Übel zur Diskussion zu stellen“. Dadurch würden die grundlegenden ethischen Bedenken gegen den Verbrauch menschlicher Embryonen bei der Gewinnung von embryonalen Stammzellen nicht ausgeräumt, betonte Huber. „Aber ein solcher Weg ließe sich respektieren als ein ernsthafter Versuch, ethische Konflikte zu befrieden.“ Zuvor hatte bereits die Synode der EKD im November einer einmaligen Verschiebung des Stichtages zugestimmt. Im Jahr zuvor hatte sich das Kirchenparlament noch dagegen ausgesprochen.

„Ich fühle mich durch die Position von Bischof Huber nicht vertreten“, sagt der Braunschweiger Bischof Friedrich Weber. „Wenn man davon ausgeht, dass das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle beginnt und der Mensch durch Artikel 1 des Grundgesetzes geschützt ist, dann kann es keine Forschung mit embryonalen Stammzellen geben und auch keine Verschiebung eines Stichtages.“ Denn für die Forschung mit embryonalen Stammzellen müssten immer Embryonen getötet werden. Aber auch im frühesten Stadium sei der Embryo kein Zellhaufen, sondern ein Mensch, in dem bereits alle Potenziale angelegt sind. Selbst die Möglichkeiten, durch die Forschung an embryonalen Stammzellen bisher unheilbar kranken Menschen zu helfen, rechtfertige es nicht, Embryonen zu töten, sagt Weber und ist damit auf der Linie der katholischen Bischöfe. Ähnlich denkt auch Martin Hein, Bischof von Kurhessen-Waldeck. Er sorgt sich außerdem, dass es nicht bei der einmaligen Verschiebung bleiben werde.

Innerhalb der katholischen Kirche wiederum teilen eine Reihe von Politikern und Moraltheologen eher Hubers Standpunkt. Ministerin Annette Schavan gehört dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) an, dem höchsten katholischen Laiengremium. Der Münchner Moraltheologe Konrad Hilpert forderte in der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ an die Adresse der eigenen Oberhirten mehr Sachlichkeit: „Das Arbeiten mit bereits etablierten humanen embryonalen Stammzelllinien ist nicht dasselbe wie verbrauchende Embryonenforschung, weil für diese Arbeiten keine Embryonen verbraucht werden, sondern zuvor gewonnene Zellen genutzt werden, die über lange Zeit unbegrenzt vermehrt werden können", schreibt er. Hilpert wirft zudem die Frage auf, ob es wirklich überzeugend sei, Embryonen für schlechthin unantastbar für medizinische Forschung zu erklären, wenn sie – wie in den USA – allenfalls „nach Erreichen des ,Verfallsdatums’ zu Tausenden vernichtet werden?“ Sein Münsteraner Kollege Antonio Autiero beklagte in der „Zeit“, durch diese Zuspitzung auf den Status des Embryos werde jeder Spielraum für Güterabwägungen zerstört. Dennoch sollte die aktuelle Debatte, so Autiero weiter, „nicht dazu benutzt werden, einen Graben zwischen den Konfessionen aufzureißen“.

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