Oettinger-Rede : Knobloch vermisst klare Worte

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat die Trauerrede des baden-württembergischen Ministerpräsidenten zum Tod des Ex-Regierungschefs Filbinger scharf kritisiert.

Bremen/Baden-Baden - "Es ist unverständlich und zu bedauern, dass gewisse und bekannte Zeiten im Leben des Herrn Filbinger in der Rede des Ministerpräsidenten Günther Oettinger unterdrückt wurden", sagte Knobloch am Donnerstag im Nordwestradio (Radio Bremen/NDR).

Auch der ehemalige Bundesminister und frühere baden-württembergische SPD-Chef Erhard Eppler kritisierte die Äußerungen Oettingers. Er könne sich nicht vorstellen, dass jemand aus der Generation von Günther Oettinger ein endgültiges Urteil über Filbinger sprechen könne, sagte Eppler im SWR2. Filbinger sei wahrscheinlich weder ein wirklicher Nazi noch ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus gewesen.

Oettinger steht in der Kritik

Oettinger hatte am Mittwoch bei einem Staatsakt des Landes im Freiburger Münster gesagt, dass Filbinger kein Nazi gewesen sei, sondern vielmehr den Nationalsozialismus "immer verachtet" habe. Er habe sich aber den Zwängen des Regimes nicht entziehen können. Zugleich wies Oettinger die gegen Filbinger erhobene Vorwürfe wegen dessen Tätigkeit als Marinerichter in der NS-Zeit zurück. Es gebe kein Urteil Filbingers, durch das jemand sein Leben verloren habe.

Knobloch kritisierte, Oettinger habe eine "typische Beerdigungsrede" gehalten, "die nur die angeblich guten Seiten darstellen" sollte. Die Ansprache habe ihren Zweck verfehlt. Ihr Bedauern gelte den Hinterbliebenen der Soldaten, die unter Beteiligung von Filbinger ihr Leben hätten lassen müssen, sagte Knobloch.

Kritik kam auch aus den anderen politischen Lagern

Grünen-Chefin Claudia Roth erklärte, Oettinger werde es nicht gelingen, aus Filbinger einen Widerstandskämpfer zu machen. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck zeigte sich "schockiert" und warf Oettinger "Geschichtsklitterung" vor.

Die Chefin der baden-württembergischen SPD, Ute Vogt, kritisierte, Oettinger stelle sich in eine Reihe mit Filbinger und leugne wie dieser. Vogt forderte Oettinger auf, Filbinger nicht weiter zu verklären, sondern stattdessen an einem Einführungskurs für Geschichte teilzunehmen. Der SPD-Spitzenkandidat für die Hamburger Bürgerschaftswahl, Michael Naumann, nannte es zwar richtig, dass Filbinger kein Nationalsozialist gewesen sei. Jedoch sei es eine "brachiale historische Unwahrheit", dass durch seine Urteile keine Menschen umgekommen sind.

Nach Ansicht des Freiburger Militärhistorikers Manfred Messerschmidt waren die Worte Oettingers parteipolitisch motiviert. Oettinger habe nicht über den Tellerrand der CDU hinausgeschaut. Messerschmidt betonte zugleich, zwar seien Richter in der NS-Zeit "nicht ganz weisungsfrei" gewesen. Es habe jedoch auch Richter gegeben, die trotz anderer Erwartungen an sie kein Todesurteil verhängt hätten und dabei nicht gemaßregelt worden seien.

CDU: "Filbinger angemessen gewürdigt"

Die baden-württembergische CDU hingegen nahm Oettinger in Schutz. Landtagsfraktionschef Stefan Mappus zufolge hat der Ministerpräsident in seiner Rede das gesamte Leben Filbingers "angemessen gewürdigt". Er forderte, mit Filbingers Tod "reflexartige Diskussionen zu seiner Person" zu beenden. Auch der Generalsekretär der Landes-CDU, Thomas Strobl, stellte sich hinter Oettinger. Die Äußerungen des Ministerpräsidenten seien "weder inhaltlich noch formal in irgendeiner Weise zu kritisieren", erklärte Strobl.

Filbinger musste 1978 als Ministerpräsident zurücktreten, als bekannt wurde, dass er im Zweiten Weltkrieg als Marinerichter an mehreren Todesurteilen gegen deutsche Soldaten mitgewirkt hatte. Er war am 1. April im Alter von 93 Jahren in Freiburg gestorben. (tso/ddp)

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