Politik : Ohne Eile

Wenn die UN-Inspekteure länger im Irak bleiben, erhält Washington zusätzliche Informationen – auch strategische

Malte Lehming[Washington]

Wieder ist nichts, wie es scheint. Nach außen hat es die US-Regierung offenbar sehr eilig. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagt, die Streitkräfte stünden inzwischen für eine Invasion in den Irak bereit. Unterdessen arbeiten amerikanische und britische Diplomaten fieberhaft am Text für eine neue Irak-Resolution. Sie könnte bereits in der kommenden Woche im UN-Sicherheitsrat eingebracht werden. Darin sollen dem Irak „fortdauernde und substanzielle Verstöße“ gegen die bisherigen UN-Resolutionen vorgeworfen werden. Das soll den Weg frei machen für den Krieg. Kein Zweifel, so scheint es: Amerika drückt aufs Tempo.

Die Friedensfront dagegen spielt auf Zeit. Die Überlegung lautet: Je länger die Inspekteure im Irak sind, je länger der Sicherheitsrat dem amerikanischen Druck widersteht, und je heißer das Klima im Nahen Osten wird, desto größer ist unsere Chance, einen Krieg zu verhindern. Das klingt plausibel, ist aber ein hochriskantes Kalkül. Vielleicht verhält sich der Faktor Zeit in diesem Konflikt viel neutraler, als es die Hoffenden zwischen Moskau, Berlin und Paris wahrhaben wollen.

Denn zur List der Geschichte gehört eine ernüchternde Erkenntnis: Je länger die UN-Inspekteure im Irak sind, desto leichter wird es für die USA, einen Krieg zu führen. Täglich häufen die Inspekteure neues Wissen über die Waffenbestände und Verteidigungsfähigkeit des Irak an. Davon profitieren natürlich auch CIA und Pentagon. So viel wie heute, frohlocken hinter vorgehaltener Hand die Strategen, sei schon lange nicht mehr über den Irak bekannt gewesen. Deshalb sind die Inspekteure aus Sicht der Hardliner durchaus nützlich. Außerdem verhindert ihre Anwesenheit, dass Bagdad seine Kriegsabwehr organisieren kann. Die amerikanischen und britischen Streitkräfte können in aller Seelenruhe ihre Truppen aufmarschieren lassen, während der Irak zum Stillhalten verdammt ist. Aus logistischen Gründen hat Washington also viel Geduld.

Diese Geduld wird durch klimatische Bedenken nicht beeinträchtigt. Der ideale Monat für einen Kriegsbeginn wäre der März. Doch alle Militärexperten sind sich einig, dass die Invasion auch später erfolgen kann. Selbst im Hochsommer können die US-Soldaten kämpfen. Allenfalls wären sie gezwungen, überwiegend nachts zu operieren. Das wiederum würde ihren gewaltigen technologischen Vorsprung eher noch vergrößern. Sie verfügen über Nachtsichtgeräte und Wärmebildkameras, die die Nacht für sie optisch zum Tage machen. Zwar ist es teuer, über 200 000 Soldaten mehrere Monate lang in Bereitschaft zu halten. Doch bis zum Fall der Mauer waren weitaus mehr US-Soldaten ein halbes Jahrhundert lang in Europa stationiert. Auch das ließ sich finanzieren.

Daher drückt Washington nur sehr dosiert aufs Tempo. Der nächste Bericht von UN-Chefinspekteur Hans Blix könnte sogar nach Angaben von Diplomaten erst am 7. März vorgestellt werden. Es kann noch Wochen dauern, bis der Sicherheitsrat über eine zweite Irak-Resolution abstimmt.

Entscheidend für Washington ist weniger der Zeitverlust als die erhöhte Zufallswahrscheinlichkeit. „Wir müssen Saddam Hussein durch stetigen Druck zu einem groben Fehler provozieren“, sagt ein Regierungsmitarbeiter. Zum Casus Belli könnte sich demnächst der Streit über die Al-Samoud-2-Raketen entwickeln. Die überschreiten die zulässige Reichweite und sollen deshalb vernichtet werden. Das jedenfalls fordern die UN. Bislang weigert sich Bagdad.

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