Online-Wahlkampf : Schwarze Schafe und ein Zugpferd namens Angie

Die CDU als große Traditionspartei mit eher konservativem Image und Inhalten. Die Grünen als ehemals wilde Graswurzelbewegung, die zwar sehr viel ruhiger geworden sind, inhaltlich manchmal aber noch gerne provozieren. Wie sieht der Online-Wahlkampf bei zwei derart unterschiedlichen Parteien aus? Ein Besuch in den Wahlkampfzentralen.

Simone Bartsch
Grünen-Wahlkampfzentrale "Triebwerk"
Offenes Loft: Die Wahlkampfzentrale der Grünen in Berlins Mitte. -Foto: dpa

BerlinMehrere Wochen hat die Terminabsprache gedauert. Online-Wahlkampf ist en vogue und wirklich jeder will gerade einen Termin bei der Kanzlerin-Partei, so scheint es. Am Dienstag ist es geschafft: Rein ins moderne, gläserne Konrad-Adenauer-Haus in Berlins Mitte. Zur Begrüßung gibt es erstmal einen Kaffee aus einem schicken Hightech-Automaten. Die Tassen sind erstaunlicherweise schlicht weiß. Nichts zu sehen von einem CDU-Logo.

In der Grünen-Wahlkampfzentrale "Triebwerk" in Berlins Mitte sieht es eher aus wie einer WG-Küche. Von der Eingangstür aus fällt man direkt in den Großraum, die Fenster reichen bis zum Boden. Es gibt heißen Kaffee aus einer klassischen Kaffeemaschine in großen, bunt zusammen gewürfelten Kaffeepötten. Auch sonst ist es sehr bunt. Natürlich aber dominiert die Farbe Grün. Grüne Wandstreifen, grüne Wahlplakate. Und ziemlich viele Grünpflanzen. Leise schleichen die Wahlkämpfer durch den sich über zwei Ebenen erstreckenden luftigen Raum - ein Kamerateam von N24 filmt gerade den Wahlkampfalltag.

"Ich glaube, es gibt einfach keine Alternative zu Angela Merkel." Volle Stimme, fester Blick. Kein Zweifel, der junge Mann ist Überzeugungstäter. Daniel Frerichs, 27 Jahre alt, hält derart große Stücke auf die Kanzlerin, dass er sich sogar ein Urlaubssemester genommen hat, um Wahlkampf zu machen. Voller Einsatz für die CDU. Dabei ist er nicht einmal Parteimitglied. Aber: Er ist Mitglied im "teAM Deutschland", zusammen mit rund 27.000 anderen Menschen. Von ihnen unterscheidet er sich allerdings dadurch, dass er zusammen mit zwölf Kollegen in der Schaltzentrale des  Teams sitzt und die übrigen Mitglieder koordiniert und informiert. Das "teAM" – das AM im Namen steht für Angela Merkel – ist die Mitmachkampagne der Union.

Bei den Grünen heißt das Ganze "Meine Kampagne". Die Grundidee aber ist dieselbe. Allerdings haben die Grünen bislang vergleichsweise wenig Online-Unterstützer, etwa 6500. "Wir freuen uns über jeden einzelnen. Es geht ja nicht um Quantität, sondern Qualität. Und diese 6500 Mitglieder sind sehr aktiv, engagieren sich nicht nur online sondern auch sehr stark bei Aktionen vor Ort", sagt Robert Heinrich, verantwortlich für alle Online-Aktivitäten der Partei. Die vergleichsweise geringe Mitgliederzahl bereitet ihm keine schlaflosen Nächte. "Natürlich haben wir keine so großen Mitmacher-Zahlen wie beispielsweise die CDU. Wir haben etwa 46.000 Parteimitglieder, die Union weit über eine halbe Million. Das kann man nicht vergleichen."

CDU-Wahlplakat
Moderner Glasbau: Das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. -Foto: dpa

Daniel Frerichs und seine Kollegen in der CDU-Zentrale arbeiten in zwei Gemeinschaftsbüros aus Glas, Flipcharts stehen herum, eine große grüne Tafel wie zu Schulzeiten nimmt eine Längswand ein. Auf ihr klebt ein großes Angela-Merkel-Plakat. Viele der emsig auf der Tastatur tippenden Wahlkämpfer tragen orangefarbene T-Shirt mit CDU-Logo. Andere arbeiten in zivil. Twittern, telefonieren, E-Mails versenden und die Website am Laufen halten – damit wollen die Wahlkämpfer  Menschen für die CDU gewinnen. Die Website ist auch Knotenpunkt für alle Aktionen, die bundesweit – offline - von CDU-Teams organisiert werden. Die Organisatoren im Konrad-Adenauer-Haus telefonieren mit den Verantwortlichen, schreiben Motivations-Mails, planen Stimmenfang-Aktionen. Das Wahlkampf-Netz ist dicht gewebt: In jedem Wahlkreis gibt es einen Teamleiter, der mit Parteimitgliedern und freiwilligen Unterstützern Wahlkampf machen kann.

Bei den Grünen wird ebenfalls auf Aktionen vor Ort gesetzt, die über die Kampagne koordiniert werden können. Allerdings sind die Ansprechpartner hier die Landesverbände. Einen eigenen Teamleiter für jeden Wahlkreis – dafür ist die Partei einfach zu klein. Der Geschäftigkeit in der Wahlkampfzentrale tut das aber keinen Abbruch: Der große, helle Raum ist erfüllt vom Geklapper der Tasten, kurzen Unterhaltungen und Telefonaten. Was Daniel Frerichs bei der CDU, ist Lea Belsner bei den Grünen. Die 26-jährige organisiert die Kampagne fast im Alleingang. Sie bewertet und entwickelt Aktionsvorschläge, die von freiwilligen Unterstützern, Landesverbänden oder den beteiligten Agenturen kommen. Sie organisiert die Offline-Aktionen, kümmert sich um das Layout der Seite. "Es ist der vierte Wahlkampf, den ich mitmache", sagt sie. "Wahlkampf ist meine Leidenschaft". Dann muss sie zurück an ihren Platz. Das Telefon klingelt schon die ganze Zeit.

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