ORTSTERMIN : Die Jungs von der SO 43

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Die Faszination des Bösen, sie hat die meisten Zuhörer am Donnerstagabend in den Veranstaltungsraum der Urania geführt. Michael Jürgs, ehemaliger „Stern“-Chefredakteur und Buchautor, liest aus seinem im März erschienenen Werk „BKA, Europol, Scotland Yard – Die Jäger des Bösen“ und erzählt den 50 Zuhörern, wie das Böse in Form von Terrorismus, Kindesmissbrauch und Wirtschaftskriminalität die Beamten dieser Behörden fordert, wie sie ihm mit ausgeklügelter Technik beizukommen suchen. Jack the Ripper wäre heute nach nur einer Woche gefasst, davon sind die Ermittler und Jürgs überzeugt – Technik, so scheint es, fasziniert ihn fast noch mehr als das Böse an sich. Denn während zu Beginn eine Frau in der letzten Reihe noch moniert, Jürgs rede zu schnell, verschwindet der sonore Nuschelton beim Vorlesen gänzlich. Jürgs beschreibt nahezu schwärmerisch die Tätigkeiten der Cyber Crime Unit – so nennt der Autor vorzugsweise die Abteilung SO43 des BKA, „denn das beschreibt besser, was die da leisten“. Und was die Beamten leisten, das trägt Jürgs an diesem Abend fast eineinhalb Stunden lang vor – meist unterhaltsam.

Stimmung kommt auf, als Jürgs die Lesung beendet und betont, dass er im Bereich Kinderpornografie und Wirtschaftskriminalität seit seiner Recherche für Vorratsdatenspeicherung ist. Auf diese Sätze scheinen einige Besucher der Lesung nur gewartet zu haben. Nun muss man an dieser Stelle wissen, dass Jürgs bis zur Veröffentlichung des Buchs als linksliberal galt und sein Bekenntnis zur Vorratsdatenspeicherung für viele Datenschützer daher eine besondere Provokation darstellt. So auch für den Ex-Bundesrichter und heutigen Linken-Abgeordneten Wolfgang Nescovic, der sich aus dem Zuschauerraum heraus mit Jürgs hitzig über die Grundlagen eines Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung streitet. Weitere Juristen melden sich, ein LKA-Beamter ergreift leidenschaftlich Partei für Jürgs Position. „Ich werde so wütend, ich hasse diese Argumente. Als würden wir die ganze Zeit nach Kommunikationsdaten lechzen“, ruft er. „Aber im Bereich Kinderpornografie ist die Anzahl der Verfahren bei uns seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs gegen Vorratsdatenspeicherung stark gefallen.“ Die Diskussion zwischen den Experten veranlasst dann schließlich einen Zuhörer zu fragen: „Geht den Beamten bei der Untätigkeit der Justiz nicht das Messer in der Tasche auf?“ Daraufhin warnt Jürgs vor Verallgemeinerungen, er habe bei den Recherchen gute Beamte getroffen, genauso gebe es engagierte Juristen. Nur ein Allgemeinplatz darf Jürgs zum Schluss erlaubt sein: „Im Kampf gegen das Böse gibt es kein Ende.“

Das Buch ist im C. Bertelsmann Verlag erschienen (München 2011, 352 S., 19.99 Euro). Eine ausführliche Rezension lesen Sie in der Montagsausgabe auf der Seite Politische Literatur.

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