ORTSTERMIN : Die Trösterin am Telefon

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Kai Lehmann ist CDU-Ortsvorsitzender in Sommerland, aber seine Stimmung tendiert im Moment eher ins Herbstlich- Trübe. Dabei haben seine Christdemokraten gerade erst bei der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl die flachen Ebenen zwischen den Ortschaften Krempe und Kiebitzreihe behauptet, 41,4 Prozent für den Wahlkreis nahe Glückstadt an der Elbmündung. Doch Lehmann – Landwirt, Wehrführer bei der freiwilligen Feuerwehr und auch sonst Basis pur – blickt sorgenvoll der Bundestagswahl im September entgegen. „Guten Abend, Frau Bundeskanzlerin“, sagt er ins Telefon. „Die Bürger haben keine Lust mehr, zur Wahl zu gehen, weil das ganze Geld ins Ausland geht.“

Angela Merkel zieht ihren So-kann- man-das-nicht-sagen-Flunsch und hebt an, die Vorzüge der Euro-Gemeinschaft zu erklären. Die CDU-Vorsitzende sitzt im Konrad-Adenauer-Haus vor einer Kamera, neben ihr ein Herr als Moderator, im Hintergrund junge Menschen mit Telefon-Headsets vor Bildschirmen. Die „Tele-Townhall“ am Dienstagabend ist die zweite dieser Art. Die CDU ist mächtig stolz darauf, dass sie das amerikanische Format als Erste anwendet. Und auch wenn die Telefonleitung kratzt und zwischen dem „Guten Abend“ und der Frage der Anrufer meist eine ratlose Schweigepause klafft – Merkel bekommt eine Stunde lang von zwei Dutzend Parteimitgliedern zu hören, wo der Schuh drückt.

Thematisch geht das bunt durcheinander. Herr Nagel aus dem sauerländischen Arnsberg sorgt sich wegen dieses Erdgas- Frackings, Herr Schön aus Wittenberg wegen der Schere zwischen Armen und Reichen, Frau Spanniol findet, dass sich die Politik zu wenig auf normale Familien und zu viel auf „Minderheiten“ wie die Homosexuellen konzentriere, und gleich zwei Anrufer sehen sich als kinderreiche Familien nicht angemessen gewürdigt.

Merkel, durch Dutzende Regionalkonferenzen gestählt, hat für alle Verständnis und für viele Trost, auch wenn der Herr Nagel nicht ganz überzeugt davon klingt, dass das im Moment auf Eis gelegte Fracking-Gesetz doch gerade darauf abziele, die umstrittene Bergbautechnik „zu beschränken und erschweren“. Und der Wortwechsel mit einem schwäbischen Handwerksmeister krankt ein bisschen daran, dass der Mann die christdemokratische Variante des Mindestlohns wahrscheinlich völlig falsch verstanden hat.

Doch je länger man per Internet-Livestream die Fragestunde verfolgt, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass neben all den unterschiedlichen Sachproblemen ein Generalbedenken die CDU-Basis umtreibt. Der Landwirt Lehmann fürchtet die immer weiter sinkende Wahlbeteiligung – unter 50 Prozent lag sie bei den Gemeindewahlen im Norden, und was, wenn es im September so ähnlich wird? Den angehenden Studenten aus Burgwedel interessiert die Wohnungsnot in Städten nicht nur persönlich, sondern auch, weil er glaubt, dass seine Niedersachsen-CDU das Thema bei der knapp verlorenen Landtagswahl vernachlässigt hat. Jochen Lehmann aus Stuttgart fehlt die Abgrenzung zur „Alternative für Deutschland“ – bei dem Stichwort wird Merkels Ton übrigens recht knapp.

Allen gemeinsam aber ist diesen Anrufern die Sorge, die erst der letzte offen anspricht, Christdemokrat seit 40 Jahren: „Ich wünsche, dass Sie wieder Bundeskanzlerin werden“, sagt der Mann aus Bad Kreuznach, bloß: „Was wollen Sie noch tun?! Was kann ich tun?“ Dass es nicht reichen könnte, die beliebte Kanzlerin im Land umherzuzeigen – diesen Verdacht hegen viele. Ob Merkels Antwort sie beruhigen kann? „Wenn wir das Regierungsprogramm haben, werd’ ich zu den Menschen gehen“, tröstet die CDU-Chefin den Besorgten. Er selbst möge doch derweil „über’n Gartenzaun“ ein gutes Wort für sie beim Nachbarn einlegen.

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