ORTSTERMIN : Geschichtsstunde am Wannsee

Elisabeth Binder

Otto Schily erinnert sich noch genau daran, wie er John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus zugejubelt hat. Die erbitterten Streitgespräche, die er später als junger Grüner mit dem US-Diplomaten John Kornblum hatte, hat er noch genauso gut im Kopf. Am Sonntagvormittag ist die transatlantische Gemeinde in der American Academy zusammengekommen, um Kornblum aus Anlass seines 70. Geburtstags noch einmal gebührend zu ehren. Richard von Weizsäcker ist da und viele Weggefährten, darunter Schily als lebendes Beispiel für Kornblums These, dass es unsinnig sei, Deutschland als besonders stabiles Land darzustellen, das sich nie ändere. „Es ändert sich ständig.“

Die Berliner Mauer war gerade mal drei Jahre alt, als John Kornblum im Alter von 21 Jahren in den Dienst des US-Außenministeriums trat. Dort entwickelte sich der in Detroit geborene Enkel eines ostpreußischen Bauern mit Blitzgeschwindigkeit zum Experten für den Ost-West-Konflikt, Schwerpunkt deutsche Teilung. Anfang 1965 kam er bereits als Vizekonsul nach Hamburg, gehörte ab 1970 der US-Delegation bei den Verhandlungen mit den anderen drei Siegermächten über die Zukunft Berlins an. 1985 wurde er Gesandter und Stellvertretender Stadtkommandant in Berlin. Schließlich kam er im August 1997 als US-Botschafter nach Berlin.

Im Februar 2001 wurde John Kornblum, der nach 37 Jahren aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden war und sich damals gerade in die Dienste einer französischen Investmentbank begeben hatte, schon einmal in der American Academy gefeiert. Auch damals war Otto Schily dabei, der einst über die Streitgespräche zum Freund wurde. An diesem Sonntag fordert er die Anwesenden auf, möglichst zahlreich einen im Vorraum ausliegenden Antrag zu unterzeichnen, nach dem Kornblum Ehrenbürger von Berlin werden sollte. Wie andere Redner würdigt er die Offenheit, die Dialogbereitschaft und die Fähigkeit des Jubilars, zuhören zu können.

US-Botschafter Philip Murphy dankt dem Vorgänger, dem bislang letzten Karrierediplomaten in dieser Funktion, für seinen Einsatz für die US-Botschaft am Pariser Platz und für viele gute Ratschläge. Er sei eine „Quelle der Inspiration“. In einer Podiumsdiskussion mit John Vinocur, den Murphy als „George Clooney unter den Journalisten“ einführt, geht es um die angestrebte Freihandelszone, um den demografischen Wandel und um die Zukunft. „Europa ist nicht tot“, sagt Kornblum. „Es ist sehr dynamisch.“ Kritisch fragt Vinocur, wie er den Sinn der Deutschen beurteile, in internationalen Angelegenheiten Verantwortung zu übernehmen, und wirft schon mal den Ausdruck „desaströs“ in den Ring. Aber der Jubilar, berühmt dafür, immer genau zu sagen, was er meint, urteilt erstaunlich milde. „Deutschland will ein guter Partner sein.“ Man dürfe nicht vergessen, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren mit der Integration der DDR eine große Aufgabe zu bewältigen gehabt habe. „Wir sind in der besten Phase seit dem Zweiten Weltkrieg“, lautet sein Fazit auch in Bezug auf die USA. Dann singt Michaela Kaune am Flügel begleitet von Donald Runnicles Strauß-Lieder. Geschenke gibt es auch, überreicht von Academy-Chef Gary Smith, der Kornblum ebenfalls als Ratgeber schätzt. Künftig hat der Jubilar dort einen eigenen Stuhl, den niemand ihm streitig machen kann.

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