Ortstermin : Vaclav Havel trifft Richard von Weizsäcker

Claudia von Salzen über ein historisches Duett von Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker.

Claudia von Salzen
Havel
Vaclav Havel -Foto: ddp

Überraschungen mag Vaclav Havel eigentlich nicht, Abenteuer schon gar nicht. „Dabei bin ich ein Mensch, dessen ganzes Leben ein einziges Abenteuer ist“, sagt der frühere tschechische Staatspräsident. Gemeinsam blickt er mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Donnerstagabend in Berlin auf „20 Jahre Freiheit“ zurück. Der 72-Jährige tritt auch in seiner Heimat nur noch selten in der Öffentlichkeit auf – kein Wunder also, dass die Räume der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin kaum groß genug waren, um all jenen Platz zu bieten, die Havel erleben wollen. Längst ist er zu einer Ikone der Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa geworden: der Prager Frühling, die Charta 77 und schließlich die samtene Revolution in der Tschechoslowakei 1989 sind eng mit seinem Namen verbunden.

Den Schriftsteller und Dissidenten, der für seine Überzeugungen fünf Jahre im Gefängnis saß, führten die dramatischen Ereignisse bis in die Prager Burg. Bis heute erweckt er gern den Eindruck, als könne er das alles selbst kaum glauben. „Ich war der letzte, der sich damit abgefunden hat, dass das kein Witz ist“, sagt der 72-Jährige in der ihm eigenen Mischung aus Bescheidenheit, Selbstreflexion und leisem Humor. Dieser Mann gleicht so gar nicht anderen ehemaligen Staatschefs. Er ist keiner von denen, die ihren Platz in der Geschichte mit großen Worten und weitschweifigen Analysen affirmativ behaupten. Schließlich hat er eine Karriere in der Politik nie angestrebt, diese Rolle wurde an ihn herangetragen. Still sitzt er an diesem Abend auf dem Podium, die Hände auf den Knien, ein wenig gebeugt. Beim Zuhören wirkt er nachdenklich und in sich gekehrt. Ein Mann, der in sich ruht.

Das Gespräch mit Weizsäcker wird zum Duett: Beide loben sich gegenseitig, doch weit jenseits der gängigen Höflichkeitsfloskeln. Für Havel wurde Weizsäcker zum „Lehrer meiner Präsidentschaft“, zum Ratgeber. Und als sein tschechischer Amtskollege seine eigene Rolle in der Geschichte wieder einmal herunterspielt und erklärt, niemand entscheide sich, Dissident zu werden, das sei Schritt für Schritt passiert – da sieht sich Weizsäcker dann doch zum Einspruch genötigt: „Das was Havel getan hat, ist ohne Beispiel.“ Und irgendwann in diesem Gespräch zitiert Weizsäcker lange Passagen aus einer Rede Havels in Salzburg, die ihm „unvergesslich“ geblieben sei. Darin verglich Havel die Mühen des Sisyphos mit dem Kampf um die Freiheit: Jeden Tag kämpft man um sie, doch am nächsten Morgen wacht man wieder in der Diktatur auf. Doch eines Tages ist plötzlich die Freiheit da – was nun? Plötzlich muss man lernen, in einer neuen Welt zu bestehen. „Dass Freiheit auch Verantwortung ist, habe ich nie besser erklärt bekommen als in Havels Rede“, sagt Weizsäcker. Havel selbst sagt heute über die Zeit des Umbruchs, er habe nie geahnt, wie viele Hindernisse überwunden werden mussten und wie schwierig der Weg war. „Es hat sich gezeigt, dass alles viel komplizierter war und viel langsamer geht.“

Zu Deutschland hat Havel ein besonderes Verhältnis, seine erste Auslandsreise als Präsident führte ihn im Januar 1990 nach Ost-Berlin und München. Er habe zeigen wollen, dass ein vereintes Europa ohne ein vereintes Deutschland nicht möglich sei, sagt er. Wenig später rief er Weizsäcker an, um ihn zu einem Besuch einzuladen. Am 15. März 1939 seien Hitlers Truppen auf die Prager Burg marschiert. „Ich möchte gern an einem 15. März mit Ihnen zu Fuß auf die Burg spazieren“, sagte Havel seinem deutschen Amtskollegen am Telefon. „So ging er mit einem um“, sagt Weizsäcker heute.

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