Ortstermin : Von Juden und jüdischen Antisemiten

Andrea Nüsse beobachtet Tumulte bei der Diskussion in der Jüdischen Gemeinde in Berlin über deutsche Medien und Israelkritik.

Normalerweise stehen die Polizisten vor der Synagoge und dem Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße, um mögliche Angriffe von außen auf die jüdischen Einrichtungen abzuwehren. An diesem Abend aber wurde die Polizei in den Versammlungssaal in der dritten Etage gerufen, um im Auftrag der Jüdischen Gemeinde junge Israelis und deutsche Juden aus dem Saal zu entfernen, die von anderen Anwesenden als Antisemiten beschimpft wurden. Und mit hämischen „Yalla, Yalla“–Rufen (Arabisch für „Geh!“ oder „Hau ab“) verabschiedet wurden.

Geplant war eigentlich eine Podiumsdiskussion über den Umgang deutscher Medien mit Israelkritik und Antisemitismus. Löblich, endlich offen auseinanderzudividieren, was Kritik an einer Regierung ist und was Antisemitismus. Doch die Einladung der Jüdischen Gemeinde gab bereits einen sehr polemischen Ton vor: Angeprangert wurde ein in der „Taz“ erschienener Artikel der in Deutschland lebenden Israelin Iris Hefets, der die Frage aufwerfe, ob „Antisemitismus in deutschen Medien wieder salonfähig ist“. Hefets hatte darin kritisiert, dass der Holocaust in Israel dazu benutzt werde, das Land in der Rolle des „ewigen Opfers“ zu halten, so dass normale demokratische Spielregeln für es nicht gälten. Eine in Israel zwar nicht mehrheitsfähige, aber offen diskutierte These, die ähnlich der ehemalige Knessetsprecher Avraham Burg kürzlich in seinem Buch „Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss“ vertritt. Hefets war nicht eingeladen; sie stand auf der Oranienburger Straße vor der Tür.

Die jungen Israelis hatten sich nach der Begrüßung der Gemeindevorsitzenden Lala Süsskind erhoben, die Hefets, „diese Frau“, in geistige Nähe zur ultrarechten „Jungen Freiheit“ rückte. Sie hielten Blätter mit der Aufschrift „Wir sind alle Iris Hefets“ hoch und forderten für sie ein Rederecht zur Entgegnung. Abgelehnt. Daraufhin verließ die „Taz“-Chefredakteurin Ines Pohl überraschend das Podium – obwohl sie zuvor gewusst hatte, dass ihre Autorin nicht geladen war. Die israelischen Hefets-Sympathisanten wurden hinauseskortiert: „Diskutiert ruhig über Israel ohne Israelis“, lautete ihr Vorwurf.

Nach ihrem und Pohls Abgang blieben „Welt“-Herausgeber Thomas Schmid, der keine Diskussion für möglich hält, wenn man nicht akzeptiert, dass Israel bedroht ist. Und Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff, der sich freute, dass im Tagesspiegel Diskussionen über Kritik an Israel möglich sind, ohne dass man einander Antisemitismus vorwerfe.

Doch um den Umgang deutscher Medien mit Israelkritik ging es von Anfang an nicht. Die gesamte Veranstaltung war eine öffentliche Demonstration des Risses, der durch die deutschen Juden geht in der Frage, ob sie israelische Regierungspolitik immer verteidigen wollen und sollen oder nicht. Und um den Graben, der sich zwischen der Jüdischen Gemeinde und einem Teil der in Deutschland lebenden Israelis auftut. Sie üben Kritik an der Palästinenserpolitik ihres Staates und bringen Debatten nach Deutschland, die die Jüdische Gemeinde als Tabu ansieht und vorschnell als antisemitisch einstuft. Eigentlich eine bereichernde Pluralität – wenn da nicht so viel Hass und Aggressivität auf beiden Seiten wären.

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