Politik : Osama bin Laden: Amerikas Hauptfeind

Sabine Heimgärtner

Im letzten Moment hat der kleine Pariser Verlag Jean Picollec seiner eigentlich erst für das Jahresende geplanten Neuerscheinung noch den aktuellen Schliff verpasst. "Um den 11. September 2001 zu verstehen", heißt es auf einer Banderole auf dem Buchumschlag von "Im Namen von Osama bin Laden". Roland Jacquard, Präsident der Internationalen Beobachtungsstelle für Terrorismus in Paris, versucht in seinem Buch die Fragen zu beantworten, die seit den Terroranschlägen Heerscharen von Geheimdienstlern und Journalisten beschäftigen: Wer ist Osama bin Laden, wer steht hinter ihm, welche Ziele verfolgt er? Das Erstaunliche daran: Obwohl lange vor den Attentaten in New York und Washington konzipiert, erreicht es eine unglaubliche Aktualität.

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Roland Jacquard hat Osama bin Laden nie persönlich getroffen. Dennoch standen dem Autoren eine Fülle sonst nicht zugänglicher Unterlagen zur Verfügung, die er weniger zu einer Biografie zusammengetragen hat, als vielmehr zu einer Analyse der Verflechtungen des internationalen Terrorismus.

Das Erschütternde an dem Buch: Jedes Kapitel erhärtet die These, dass die internationalen Geheimdienste versagt haben. Kurz: Das Buch wirft die Frage auf, warum das Bündnis gegen den internationalen Terrorismus erst jetzt gebildet wird. Denn die von Jacquard aufgeführten Dokumente zeigen, dass die Bedrohung der westlichen Welt durch internationale Fundamentalisten spätestens seit Anfang der neunziger Jahre allen bekannt gewesen sein muss. Die Spuren reichen bis in die jüngste Vergangenheit.

Nur sechs Monate vor Beginn der Olympischen Spiele in Sydney, am 15. September 2000, gab es Hinweise auf ein geplantes Attentat auf ein Atomkraftwerk in einem Vorort der australischen Hauptstadt. Der Verdacht konkretisierte sich in Richtung des afghanischen Terror-Regimes der Taliban. Das Ziel Sydney passt, so Jacquard, in dasRaster von bin Ladens Strategie: "Der Schatten von Osama bin Laden schwebt überall da, wo durch eine größere Krise der Einfluss des Westens erschüttert werden kann" - Großereignisse, internationale Konferenzen in europäischen Hauptstädten oder Konflikte wie im Balkan und auf den Philippinen.

Die Einflusssphäre des amerikanischen Hauptfeindes Nummer eins reicht aber viel weiter zurück. In einem "Katechismus des Heiligen Krieges", verfasst von der Islamistischen Bewegung in Ägypten, heißt es bereits 1995: "Bildung ist unwichtig. Der Kampf steht im Vordergrund. Die Ungläubigen müssen getötet werden, und es macht nichts, wenn auch ihre Frauen und Kinder dabei umkommen."

Oder: Nach dem im August 1998 verübten Militärschlag der Amerikaner auf eine Chemiefabrik in der sudanesischen Hauptstadt Karthum, wo Osama bin Laden von 1991 bis 1996 im Exil lebte, rief die "Internationale Islamische Front" dazu auf, alle Nicht-Moslems zu töten. "Tötet die Ungläubigen, wo immer Ihr sie findet, jagt sie, wo immer Ihr sie jagen könnt. Amerika ist der Anführer der gottlosen Länder."

Die vielen Beispiele eines expliziten, sich im Laufe der Jahre kontinuierlich steigernden Hasses der Fundamentalisten, egal welcher Nationalität, gegen alles Westliche zeigen, dass die jetzt von US-Präsident George W. Bush veröffentlichte Liste mit den 27 "Hauptfeinden" längst hätte erstellt werden können und die "Hauptfeinde" keine isolierten regionalen oder lokalen Organisationen sind. Sie tummeln sich unter dem Dach des großen Gurus bin Laden, wofür Jacquard zwar nicht in allen Fällen dokumentarische Beweise liefern kann, aber er schildert vor allem Begegnungen bin Ladens mit Hunderten Verbindungsleuten, von denen viele bereits eine terroristische Karriere hinter sich haben. Die diskrete Begegnung ist demnach eine Spezialität des panislamistischen Träumers, der am liebsten Schiiten und Sunniten zum gemeinsamen Kampf gegen alles Nicht-Islamische vereinen würde.

Entsprechend ist auch seine Organisation strukturiert, die "Bruderschaft bin Laden", aus der die "Islamische Legion" hervorging mit ihrem bewaffneten Arm, der Al Qaida. "Die Organisation ist geheim, hat keine juristische Grundlage, kein eigentliches Oberkommando und auch kein einheitliches Finanzierungssystem wie beispielsweise die Hisbollah", schreibt Jacquard. Alles sei "virtuell", wie übrigens auch die Kommunikationsstrukturen rund um den steinreichen Ex-Saudiaraber, die der Autor im Kapitel "Neue Waffen des Heiligen Krieges" ausführlich beschreibt. "Die Terroristen müssen sich nicht mehr persönlich treffen, ein Attentat kann völlig anonym unter falschen Namen in einem der Zehntausenden Internet-Cafés weltweit vorbereitet werden."

Glück hat der Verlag, dass Jacquard in seinem Buch viele der Informationen ausgelassen hat, die man wegen der Aktualität des Themas aus zahlreichen Zeitungs- und Magazinartikeln sowieso schon kennt. Dazu gehören auch oft fast anekdotisch anmutende Beschreibungen Nahestehender. So soll der in anderen Quellen als kämpferisch beschriebene 44-Jährige bin Laden überaus "ängstlich, sehr ruhig und besonnen, eher kurz angebunden und kaum zum Lachen fähig" sein und zudem, im Gegensatz zu den üblichen Schilderungen, große Angst vor dem Tod haben. Seine Leibwächter müssten, so berichtet Jacquard, egal in welchem Versteck, jede seiner Mahlzeiten vorkosten. Im Gegensatz dazu scheint es bin Laden nicht zu stören, dass die jungen Kämpfer, die seine Organisation überall in der Welt für die jeweils aktuellen Befreiungskämpfe rekrutiert, in den von ihm aufgebauten und finanzierten Trainingslagern geradezu auf den Tod hin getrimmt werden.

Ein "Terror-Praktikant" berichtet in dem Buch über seine Ausbildung zum Kamikaze-Kämpfer in einem Lager im Libanon. Neben täglicher "spiritueller" und rudimentärer militärischer Ausbildung werde bei jeder "Trainingssitzung" ein Praktikant "geopfert", den der zuständige Imam als "menschliche Bombe" auswählt. "Er weckt den Kandidaten zwei Stunden vor dem Probe-Attentat und betet mit ihm ein letztes Mal. Dann wird der Mann, um die Taille einen Gürtel mit Sprengsätzen, in ein Auto mit zugeschweißten Türen gesperrt, das mit 50 Stundenkilometern gegen eine Mauer fährt."

Wenig hat man bislang auch darüber erfahren, welche große Rolle bin Ladens "Islamische Legion" und seine bewaffnete Al Qaida in den Balkankriegen spielten und noch spielen, wie stark die ehemaligen Sowjetrepubliken in das terroristische Netzwerk eingebunden sind, vor allem als Waffenlieferanten und Transitländer für in Afghanistan produziertes Heroin - drei Viertel des weltweiten Konsumbedarfs werden dort produziert - die Haupteinnahmequelle bin Ladens, und welche Rolle humanitäre Organisationen im terroristischen Netzwerk übernehmen. In Bosnien beispielsweise haben nach Jacquards Schilderung etliche Verbände unter dem Deckmantel von Nahrungsmittel- und Arzneimittellieferungen riesige Geldbeträge und Waffen an die UCK-Kämpfer geliefert, genannt wird beispielsweise die "Saudi High Commission", deren Ziel es außerdem sei, die Islamisierung der bosnischen Jugend voranzutreiben.

Jaquards Schlussfolgerungen sind erschreckend: "Für die Geheimdienstexperten und die Anti-Terrorspezialisten muss schon lange klar sein, dass sich die militanten Fundamentalisten künftig nicht nur darauf beschränken, amerikanische Kasernen oder Botschaften anzugreifen, die den Tod von einigen hundert Menschen verursachen. Nein, ihre nächsten Ziele sind Städte und ganze Länder!" Jacquard hat diese Zeilen lange vor dem 11. September 2001 geschrieben.

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